Human Behavior – Harald Duwe from a comparative point of view. Dialoge über fremde Heimatgefühle

Harald Duwe, Schwimmer, 1967-71, Privatsammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
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6. April 2026
Text: Massiel Möhring

Human Behavior. Harald Duwe from a comparative point of view.

Stadtgalerie Kiel, Andreas-Gayk-Str. 31, Kiel.
Dienstag bis Freitag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 24. Mai 2026.

www.kiel.de/stadtgalerie

Harald Duwe, In der U-Bahn, 1956, Stadtgalerie Kiel, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Oska Gutheil, U-Bahn, 2025, © Oska Gutheil und Galerie Russi Klenner

Die aktuelle Ausstellung in der Stadtgalerie Kiel nähert sich dem Werk von Harald Duwe (1929–1984) in Form eines vergleichenden Ausstellungskonzeptes. Seine Werke werden nicht isoliert präsentiert, sondern in Beziehung zu anderen künstlerischen Positionen gezeigt. So entsteht eine Ausstellungssituation, in der verschiedene Medien, Bildsprachen und historische Erfahrungen einander gegenübergestellt werden. Werke sprechen miteinander, indem sie unmittelbar nebeneinander betrachtet werden können, aber auch durch klare Konfrontation. Im Raum entstehen so regelrechte Dialogsituationen, in denen sich die Motive und Ausdrücke wechselseitig kommentieren. Dabei stehen Fragen nach menschlichem Verhalten, gesellschaftlicher Verantwortung und den Möglichkeiten künstlerischer Darstellung im Mittelpunkt.

Ein fremdes Heimatgefühl ist der wiederkehrende Eindruck, der sich beim Betrachten von Harald Duwes Arbeiten einstellt. Vor allem in den 1970er und 1980er Jahren macht der Künstler die Stadt Kiel zum Bildgegenstand. Kieler Motive wie die Werft mit ihren orange-blauen Kränen oder das U-Boot-Kriegsdenkmal in Laboe wecken zunächst ein Gefühl von Vertrautheit. Dieses Heimatgefühl wird jedoch gebrochen durch die dargestellten Szenen, die gesellschaftliche Probleme und Widersprüche seiner Zeit sichtbar machen. Das Alltägliche und das historisch Belastete treffen hier direkt aufeinander. Das Heimische erscheint nicht als ungebrochener Identifikationsraum, sondern als ein Ort, in dem Geschichtszeugnisse und Gegenwart eng miteinander verwoben sind.

Auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist ein wiederkehrendes Motiv der ausgestellten Werke. Harald Duwes 1971 entstandene Lithografien „Albumblätter aus dem Soldatenleben“ stehen der Serie „Erlebnisse in deutschen Konzentrationslagern“, 1945, von Richard Grune (1903-1984) direkt gegenüber. Schon die Anordnung der Bilder verstärkt diesen Dialog: Duwes Arbeiten erscheinen in einem an die Petersburger Hängung erinnernden Cluster, während Grunes Blätter in einer linearen, einreihigen Abfolge gezeigt werden. Verschiedene Modi des Erinnerns und Sehens treffen hier im direkten Gespräch über gesellschaftliche und politische Schuldzuweisungen aufeinander. Auch die Erweiterung mit zeitgenössischen Arbeiten von Oska Gutheil (*1980) sorgt für Spannung. Gutheil zeigt – anders als Duwe und Grune – Menschen in Alltagssituationen. Die Figuren erscheinen hier nicht als bloße Beobachter oder Opfer, sondern auch als mögliche Mittäter. Der Blick verschiebt sich auf der anderen Seite des Raumes, in dem Duwes Lithografien hängen, von eindeutig markierten Tätern hin zu einer breiteren gesellschaftlichen Mitverantwortung.

Ebenso gelungen ist die vergleichende Zusammenschau auf Arbeiten von Ilse Ament (*1941) und Harald Duwe. Während Duwe seine starke figurative Bildsprache durchsetzt, nähert sich Ament dem Menschlichen eher über den Raum. Als Betrachter wird man selbst zum Subjekt, Figuren werden nur angedeutet oder in Momenten des Verschwindens zum Bildgegenstand. Diese Differenz schafft eine gewisse Stärke dieser Gegenüberstellung. Figurative künstlerische Sprache trifft auf Abwesenheit, Andeutung und räumliche Erfahrung.

Entscheidend für die Wirkung der Ausstellung „Human Behaviour“ ist die Inszenierung, die den einzelnen gezeigten Arbeiten einen dialogischen Zusammenhang gibt. Die Ausstellung veranschaulicht den Vergleich als kuratorisches Prinzip und übersetzt ihn in eine räumliche Erfahrung, in der Verhalten als Spannungsfeld zwischen Heimat und Fremdheit sowie Gegenwart und Geschichte sichtbar wird. Diese präzisen Dialoge ermöglichen Besuchern der Kieler Stadtgalerie, Harald Duwes gesellschaftliche und politische Perspektive an gegenwärtige Ereignisse anzuschließen.