Clémence van Lunen: Kribbelige Unruhe. Die lebhaften Oberflächen der Keramik

Clémence van Lunen, Waterfall, 2011, Foto: Ray Pillai, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Review > Bremen > Gerhard Marcks Haus
30. März 2026
Text: Julia Lucas

Clémence van Lunen: Kribbelige Unruhe.

Gerhard Marcks Haus, Am Wall 208, Bremen.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 21.00 Uhr.

www.marcks.de

 

Clémence van Lunen, Curtain C, 2020-2021, Foto: Juliette Agnel, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

[—artline>Nord] Mit der Ausstellung „Kribbelige Unruhe“ präsentiert das Gerhard Marcks Haus erstmals in Deutschland Arbeiten der französisch-belgischen Bildhauerin Clémence van Lunen. Rund sechzig Skulpturen zeigen eine künstlerische Position, die sich bewusst zwischen keramischer Praxis und zeitgenössischer Bildhauerei bewegt.

Van Lunen arbeitet überwiegend mit Keramik, einem Material, dem sie sich Anfang der 2000er Jahre nach Reisen nach China intensiver zuwandte. Ihre großformatigen, farbintensiven Skulpturen besitzen eine auffallend „geknetete“ Oberfläche, die den Herstellungsprozess sichtbar macht. Motive wie Vögel, Blumen, Landschaften oder schwere Vorhangfalten tauchen immer wieder auf – jedoch nicht als naturalistische Darstellung, sondern als bewusst überformte, fast karikierte Bildideen.

Gerade darin liegt der besondere Reiz der Arbeiten. Van Lunen nimmt scheinbar einfache Dinge und überführt sie in eine plastische Sprache, die zwischen Humor, Übertreibung und Materialexperiment oszilliert. Ihre Skulpturen wirken monumental und zugleich improvisiert, als seien sie spontan aus einem Moment heraus entstanden. Tatsächlich steckt hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit ein erheblicher konstruktiver Aufwand – ein „freudiger Kampf“ mit dem Material, den die Künstlerin nicht verbirgt, sondern bewusst sichtbar macht.

Im Kontext des Hauses, das traditionell der klassischen Bildhauerei verpflichtet ist, setzt van Lunen damit einen interessanten Kontrapunkt. Keramik wird hier nicht als kunsthandwerkliches Medium behandelt, sondern als vollwertige bildhauerische Praxis. Die Werke behaupten Raum und Volumen – aber ohne die heroische Ernsthaftigkeit, die Skulptur im Museum oft begleitet. Gerade dieser spielerische Umgang mit Form und Bedeutung macht die Ausstellung sehenswert. Allerdings bewegt sich van Lunen dabei bewusst an der Grenze zwischen Ironie und Überzeichnung. Manche Arbeiten wirken fast zu verspielt, fast dekorativ. Doch auch das gehört zum Konzept: Die Skulpturen sind keine abgeschlossenen Aussagen, sondern plastische Experimente über Wahrnehmung und Material.

Am überzeugendsten ist die Ausstellung dort, wo diese Experimente ihre eigentliche Energie entfalten: in der lebendigen, unruhigen Oberfläche der Keramik. Die titelgebende „kribbelige Unruhe“ ist weniger ein Thema als eine Haltung – eine künstlerische Strategie, die Form nicht beruhigt, sondern in Bewegung hält.