Gabriele Stötzer. Kaiserringträgerin der Stadt Goslar 2026.
Mönchehaus Museum Goslar, Mönchestr. 1, Goslar.
10. Oktober 2026 bis 17. Januar 2027.
www.moenchehaus.de
Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen.
Gropius Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin.
19. Juni bis 6. Dezember 2026.
gropiusbau.de
[— artline>Nord] Der nicht dotierte Kunstpreis des Kaiserrings der Stadt Goslar,1974 von einem lokalen Unternehmer ins Leben gerufen, gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen für Bildende Kunst weltweit. In der Tat besteht diese nur aus dem Schmuckstück sowie einer Einzelausstellung und ging initial, 1975, an den britischen Bildhauer Henry Moore. Es folgten, wenig verwunderlich, jahrelang männliche Großkünstler des westlichen Kunstbetriebes wie Alexander Calder, Joseph Beuys, Richard Serra, 1987 auch Christo, wobei dessen künstlerische Partnerin Jeanne Claude einfach unterschlagen wurde. 1992 dann die erste Künstlerin: Rebecca Horn. Zuletzt setzten sich mit Miriam Cahn, Katharina Fritsch und nun Gabriele Stötzer drei Frauen durch. Das zeigt die erfreuliche Wandlung, die das international ausgerichtete Profil des Preises mittlerweile vollzogen hat, 2022 wurde mit Isaac Julien der erste Schwarze Künstler dezidiert politischer Themensetzung ausgezeichnet. Dennoch überrascht, dass Gabriel Stötzer jetzt die erste Person aus dem Osten Deutschlands ist, zudem mit feministischer Grundhaltung.
1953 in Emleben, Landkreis Gotha, geboren, in Erfurt lebend und arbeitend, zählt Gabriele Stötzer zu den wichtigsten Künstlerinnen ab den 1980er Jahren im deutschsprachigen Raum, sie wurde eine zentrale Figur in der Kunstszene der DDR. Dort jedoch hatte sie es nicht leicht: wegen „Staatsverleumdung“ musste sie 1977 für ein Jahr in Haft. Die im Zuchthaus erzwungene extreme Nähe zu anderen Frauen reflektierte sie anschließend in ihrer bildnerischen (und auch literarischen) Kunst. Stötzer entwickelte weitgehend autodidaktisch die Selbstinszenierung, fotografische Aktion und Performance zu ihrem Ausdrucksmittel, mitunter zusammen mit Kolleginnen. Oft spielten enge textile Umschnürungen bis hin zur „Mumie“ mit nur minimalem Sichtschlitz eine Rolle. Oder eine gläserne „Scheibe“ diente als nicht sichtbare, gleichwohl spürbar existente Grenze, die den nackten Körper zu deformieren vermochte. Mit solchem Einsatz der eigenen Physis, auch als bewusst gewähltes „Eigentum“, das sich gesellschaftlicher Vereinnahmung entzieht, erfanden Stötzer und Co „Metaphern für das Eingeschlossen-Sein und die Sprachlosigkeit in der repressiven Enge des ostdeutschen Staates“. So umreißt Angelika Richter, Rektorin der Kunsthochschule Weißensee, die künstlerische Intention in ihrem Katalogbeitrag der Wiener Sammlung Verbund. Und als diese 2025 eine Auswahl ihrer fotografischen Bestände zur feministischen Avantgarde im Sprengel Museum Hannover zeigte, fehlte natürlich nicht die Position von Gabriele Stötzer.
Dem Textilen ist Stötzer treu geblieben. Nach der für sie herausfordernden deutschen Wiedervereinigung, als sie sich in einem neuen Kunstsystem neu behaupten musste, wählte sie weiterhin das als „weiblich“ diskreditierte Medium, um tradierte Zuschreibungen als Frau (und Künstlerin) zu unterlaufen und die Kraft des Weiblichen in monumentalen Frauenbildern zu vermitteln, wie sie ihre Haltung in einem Interview mit der taz benennt. Oft werden ihre Arbeiten literarisch intensiviert: „Undine kommt“ heißt eine Frauenfigur, in Anlehnung an Ingeborg Bachmanns Buch „Undine geht“ von 1961. Stötzers Protagonistin verlässt also nicht die Männerwelt mit all ihren Kriegen und Machtspielen, sondern setzt ihre oppositionelle Urkraft gegen die Zerstörung. Für ihre am 19. Juni im Berliner Gropius Bau anlaufende Ausstellung „Dabei sein und nicht schweigen“ hat sie „Undine kommt und sieht“ geschaffen, wie sie sagt „eine unendlich schöne Frau mit Brüsten, Händen und Füßen aus Keramik. Der Rest ist aus Wolle geknüpft, was mir wichtig ist.“ Stolze 3,50 Meter hoch ist diese Figur. In Goslar wird eine weitere Großfigur zu sehen sein: „Eine Sphinx, die ich aus Freude gemacht habe, nicht aus Protest“, so Stötzer.






