Under The Milky Way. Abstraktion, Autonomie und post-vandalische Tendenzen in der Kunst der Gegenwart.
Kunstverein Hannover, Sophienstr. 2, Hannover.
Dienstag bis Samstag 12.00 bis 19.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr.
28. März bis 19. Juli 2026
[— artline>Nord] Als die Corona-Pandemie die Menschen in den Lockdown zwang, saß Martina Morger (*1989) in Paris fest. Ausgerechnet jetzt, wo die Stadt stillstand, hatte die Liechtensteinerin ihr sechsmonatiges Stipendium an der Cité Internationale des Arts angetreten. Viel ruhiger als auf den Champs Elysées dürfte es in den Bergen rund um Vaduz auch nicht gewesen sein. Also erkundete sie die leere Stadt in ausgedehnten Spaziergängen, die Kamera immer mit dabei. Und irgendwann reichte ihr das Beobachten nicht mehr. Beiläufig interessiert, fast mechanisch, begann sie die Schaufenster von Luxusboutiquen und Reisebüros abzulecken, als ginge es darum, das französische Wort für Schaufensterbummel – „Lèche Vitrines“ – performativ in Szene zu setzen.
Martina Morgers eigenwillige Annäherung an die verführerischen Oberflächen des Kapitals ist geradezu exemplarisch für die Haltung, welche die Ausstellung „Under The Milky Way“ im Kunstverein Hannover unter dem Begriff „Postvandalismus“ fasst: Eingeladen sind ausschließlich Kunstschaffende und Kollektive mit Affinität zur Urban Art, die jugendlichen Trotz ebenso hinter sich gelassen haben wie breitbeinig-kompetitive Macker-Attitüden. Ihre Arbeiten wollen eher subtil wirken als durch knallige Gesten der Verwüstung oder des Auslöschens – was ihrer Radikaltiät aber keinen Abbruch tut. Künstler wie Stephen Burke (1991), der angeblich den Begriff „Post-Vandalism“ prägte und dessen Arbeiten sich elegant zwischen Klara Lidén und Mark Rothko bewegen, und Antwan Horfee (1983), Mixedmedia-Magier zwischen der zweiten und der dritten Dimension, sind in Hannover ebenso mit dabei, wie die legendären Kryptonymaniacs Moses & Taps oder die Wiener Bildhauerin Cäcilia Brown (*1983), die sagt: „Zerstören ist ja für sich schon eine interessante Handlung“, in ihrer skulpturalen Arbeit dann aber eine äußerst materialsensible, oft humorvolle Sprache findet für das Verhältnis von Körper und Architektur im öffentlichen Raum, das immer ein politisches ist.
Kuratiert wurde die Ausstellung „Under The Milky Way“ von der Kunstwissenschaftlerin Larissa Kikol und Kunstvereins-Direktor Christoph Platz-Gallus. Kikol denkt Urban Art und ortsspezifische Konzeptkunst – und damit Straße und Akademie, DIY und Institution – schon seit geraumer Zeit produktiv zusammen. 2019 erschien der von ihr konzipierte Kunstforums-Band „Graffiti NOW! Ästhetik des Illegalen“ und erst kürzlich „Neue abstrakte Malerei. Vom abstrakten Expressionismus zur Befreiung im 21. Jahrhundert“ (DCV books).



