Of Other Places.
Galerie Stadt Sindelfingen, Marktplatz 1, Sindelfingen.
Montag bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 22. März 2026.
www.galerie-sindelfingen.de
Mit dem Begriff „Heterotopien“ bezeichnet Michel Foucault Orte an den Rändern der Gesellschaft, des Übergangs und der Subversion. In der Schau „Of Other Places“ erleben die Besucherinnen und Besucher sieben dieser Gegenorte; etwa Giulia Cencis (*1988) Installation „Dry Savages“ mit chimärenhaften grauen Wesen aus Hohlgüssen von Gesichtern und Körperfragmenten sowie Ästen und Maschinenteilen in Duschkabinen. Der Titel ist einem Gedicht von T. S. Eliot über die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Vergänglichkeit entlehnt. Ein weiterer Bezugspunkt ist Eliots Werk „Das öde Land“, das von Erneuerungssehnsucht, Fragmentierung und Bruchstücken von Mythen nach dem Ersten Weltkrieg erzählt.
Um Identität in einer globalisierten Welt geht es in Flaka Halitis (*1982) „If I Want to Go Home Will Robots Send Me Somewhere Else?“. Sie konfrontiert die Betrachtenden mit einer riesigen Wellblechwand, in die mit Laser der Titel der Arbeit geschnitten ist, und versetzt sie in die Perspektive eines Geflüchteten. Das Material erinnert an Container und Flüchtlingsbehausungen – also an Heterotopien, diese offenbaren, das hier ein „Innen“ und „Außen“ konstruiert wird. Einen wundersamen Zufluchtsort schafft Monika Michalko (*1982) in ihrer raumgreifenden, surrealistisch inspirierten Installation: Über und über mit schwarz-weißen Ornamenten gestaltete Fußböden und Wände kontrastieren mit einer kunterbunten vegetabil-figurativ-urbanen Welt in Bildern. Die Künstlerin ist in Form einer Materialskulptur aus Kleidung, Tuben und Malutensilien präsent.
In Alex Da Cortes Triptychon „A Boom, Overheard, Overhead“ überlagern sich Kunstgeschichte, Pop-Kultur und Erinnerung. Neben einer Reproduktion eines Gemäldes von Joan Brown stehen gleichberechtigt fliegende Comic-Enten und ein fehlerhafter Druck mit ungeordneten, verblassenden Zahlen. Da Corte (*1980) unterwandert Hierarchien, befragt die Möglichkeiten von Repräsentation und bricht den abgeschlossenen illusionistischen Bildraum auf, denn die Leinwandfarben setzen sich auf den Rahmen einfach fort.
Tobias Spichtig (*1982) thematisiert einen realen heterotopen Ort, an dem sich Leben und Tod durchdringen: einen Friedhof. Auf dem Boden erheben sich drei schwärzliche Grabsteine aus Polystyrol, Sand, Epoxidharz, Kupfer und Nickel, die in einem chemischen Veränderungsprozess begriffen scheinen. Die düsteren Bilder an den Wänden changieren ebenfalls zwischen Vergänglichkeit und Dauer: die erhabenen Schweizer Berge, ein Sonnenuntergang und mehrere schemenhafte Frauenfiguren, die dunklen Erinnerungen entsprungen zu sein scheinen. Demgegenüber ist Stine Dejas (*1986) Installation „Grave Matters“ im Oktogon der Galerie in stechendem Gelb gehalten. Sie besteht aus Metallsärgen mit Bildschirmen, aus denen einem digitale Avatar-Gesichter entgegen äugen. Es handelt sich um „Griefbots“, digitale Doppelgänger von Toten. Von Andacht in einem spirituellen Raum kann hier keine Rede sein, eher von einer alptraumhaften Vision mit synthetisch lächelnden Wiedergängern und digital manipulierbaren Erinnerungen. Die Natur ist nur in Form von Vogelgezwitscher und verzerrten elektronischen Klängen präsent.
In Mike Bourscheids (*1984) Heterotopie „Sunny Side Up and Other Sorrowful Stories“ schließlich zeigt uns der Künstler das Zuhause als Überlagerung von Wirklichkeit und Fiktion, Nähe und Distanz sowie Selbst und Anderem. Die verstreut liegenden oder aufgestellten Gegenstände wie Kleiderständer, Perücken und Zeitungen wirken teils wie Requisiten, teils wie Protagonisten. Und im autobiografischen Kurzfilm „Agnes“ erzählt der Künstler in einem Figurenspiel sensibel von der Beziehung von Kindern zur ihrer alleinerziehenden Mutter.




