Edgar Calel

Edgar Calel
Edgar Calel, Ni Musmut, 2024-2025, Installationsansicht Bergen Kunsthall, Foto: Thor Brødreskift
Porträt
25. Februar 2026
Text: Dietrich Roeschmann

Edgar Calel.
Kunsthalle Bern, Helvetiaplatz 1, Bern.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
6. März bis 10. Mai 2026 (parallel zur Ausstellung von Lin May Saeed).
www.kunsthallebern.ch

Edgar Calel
Edgar Calel, Ni Musmut, 2024-2025, Installationsansicht Bergen Kunsthall, Foto: Thor Brødreskift
Edgar Calel
Edgar Calel, B’alab’äj (Jaguar Stone), 2023, Installationsansicht Sculpture Center, New York, im Auftrag des Sculpture Center, New York, und der Hartwig Art Foundation, Amsterdam, Foto: Charles Bento, Courtesy the artist & Proyectos Ultravioleta, Guatemala

Der Materialfundus, auf den Edgar Calel (*1987) für seine jüngste Installation in der Kunsthalle Bern zurückgreifen wird, ist überschaubar: Salz, Erde und guatemaltekisches Gold. Aus letzterem hat der in San Juan Comalapa geborene Künstler Skulpturen angefertigt, die sich auf traditionelle Erntedank-Rituale der Maya-Kaqchikel beziehen. Calel selbst gehört dieser indigenen Gruppe an. San Juan Comalapa heißt in seiner Sprache Chi Xot. Die Kleinstadt mit rund 35.000 Einwohnern liegt im mittleren Westen Guatemalas. Sie gilt als „Florenz Amerikas“, ein Hotspot der Kaqchikel-Malerei, die hier rund 500 Künstlerinnen und Künstler praktizieren. Aber die interessieren Calel weniger als die bäuerlichen Gemeinschaften, die das Land in der Gegend seit Jahrhunderten bewirtschaften, ohne Anspruch darauf zu erheben. Land, ist der Künstler überzeugt, kann niemandem gehören, weil es selbst ein Organismus ist, mit dem alle verbunden sind. Durch ihren Atem, ihre Organe –  oder wie die bolivianische Soziologin Silvia Rivera Cusicanqui schreibt, als „Landschaft, die mich bewohnt“. Für Edgar Calel ist dieses Konzept der ontologischen Landschaft ein zentraler Bezugspunkt seiner künstlerischen Arbeit, abgeleitet aus der Kosmovision der Maya, die zwischen Himmel, Erde und Unterwelt unterscheidet, um sie zusammenzudenken.

Calel studierte an der Escuela Nacional de Artes Plásticas in Guatemala-Stadt. 2007 machte er seinen Abschluss. Es folgten Ausstellungen und Residenzen in Mittel- und Südamerika, doch zum Arbeiten kehrte er immer wieder nach Chi Xot zurück, wo er heute lebt. „Ich wollte schon immer, dass meine Arbeit mit dem Ort zu tun hat, an dem ich geboren wurde und an dem mein Körper zum ersten Mal gelernt hat, in der Welt zu schwingen – ich trage eine Kultur in mir“, sagt er. Daran hat sich auch nichts geändert, als er 2020 mit der Einladung an die 11. Berlin Biennale (bb11) seinen internationalen Durchbruch hatte. Schon im Vorfeld war eine frühe Arbeit von ihm in einer von Çağla Ilk kuratierten Gruppenschau in der Berliner Galerie im Körnerpark zu sehen. „Yo vivo en ti – tú vives en mí“ von 2010 kreiste um den Kampf indigener Bauern in Guatemala gegen das Privateigentum an Boden. In den KW Institute for Contemporary Art knüpfte Calel im Rahmen der bb11 daran an. Das Video „Sueño de obsidiana“ zeigt den Künstler unter einem Jaguarfell, während er im modernistischen Interieur des legendären Pavillons der Bienal de São Paulo von 1954 ein Ritual zur Anerkennung indigenen Landes durchführt. Der blaue Pullover, den er dabei trug, war mit den Namen der 23 indigenen Sprachen bestickt, die der kolonialen Macht widerstanden und bis heute in Guatemala gesprochen werden.

2023 brachte Edgar Calel das Land dann auch physisch in den Kunstraum. In New York füllte er die alte Industriehalle des Sculpture Center kniehoch mit Erde. Die knapp 300 Quadratmeter große Installation ruhte auf dem Boden wie eine hügelige Insellandschaft – oder wie das Fell eines schlafenden Tieres. Dass Calel im selben Jahr gleich an drei Biennalen – São Paulo, Gwangju, Liverpool – eingeladen wurde, ließ Kritiker:innen darüber spekulieren, ob es der internationalen Kunstökonomie angesichts der sich verschärfenden Weltlage im Anthropozän am Ende doch noch gelingen würde, indigene Gemeinschaften in ihre Verwertungslogik einzubinden, nämlich als Botschafter:innen einer erlösenden Zukunft. Doch mit Edgar Calel ist dieser Move nicht zu haben. Was ihn interessiert, ist die Vermittlung eines Wissens der Verbundenheit, das der linearen Logik von Leistung und Profit widerspricht. In seiner Ausstellung in Bern wird er neben einer raumgreifenden, von der Kosmovision der Maya inspirierten Bodeninstallation auch Stoffarbeiten, Zeichnungen und Skulpturen zeigen.