Alberto Giacometti: Das Maß der Welt.
Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, Bremen.
Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. Februar 2026.
Katalog bei Schirmer Mosel, München 2025, 208 S. 48 Euro.
[—artline>Nord] Schon zum Auftakt entfaltet die Ausstellung den Kern des Themas: Eine winzige Figur steht am Mittelpunkt eines Raum beherrschenden Podests. Sie zieht den Blick an, indem sie sich ihm entzieht: eine der ikonischen Plastiken Alberto Giacomettis, die den Bildhauer berühmt gemacht haben. Kaum erkennbar, doch soghaft präsent ist sie Sinnbild für „den Menschen der Moderne“, das trifft und betroffen macht. Es scheint, als habe der Bildhauer die visuelle Entsprechung zum existentialistischen Denken geliefert, das vom Geworfensein des Individuums in eine unwirtliche Welt spricht. So lautet die Standardinterpretation. Doch Giacometti war Künstler, kein Philosoph. Die kleine Figur auf dem großen Podest, die das Publikum auf Abstand hält – das lässt sich auch bildhauerisch verstehen. Da geht es um Proportionen und Dimensionen, um das Verhältnis von Körper und Raum, um Vertikale und Verankerung. Da geht es weniger um „das Objekt“ selbst – wenn es das überhaupt gibt – als um dessen Wahrnehmung, weniger um statische Befindlichkeit als um Werden und permanente Wandlung.
Alles bezieht sich in der Natur auf zwei Dinge: auf Körper und auf Leeres, heißt es bei Lukrez. Giacomettis Sehen und Denken wurzelt in der Natur. Wie sehr beides durch die Herkunftsregion in den Schweizer Bergen geprägt wurde, dem geht eine große Schau in der Bremer Kunsthalle nun nach. Ein Besuch lohnt sich. Die Präsentation schließt mit hochkarätigen Skulpturen und Bildern das Werk auf und verstrickt das Publikum in direkte Dialoge. Großformatige Fotos zeigen Giacometti inmitten von Wald und Fels, als Wanderer und Beobachter der Landschaft seiner Heimat, in die er immer wieder von seinem kleinen Pariser Atelier zurückkehrte. Ein Film inszeniert den romantischen Topos von der Erhabenheit des Hochgebirges. Das Bildmaterial stützt die Grundthese der Ausstellung: Die sichtbare Welt um den Künstler wird als Impuls für seine Kunstwelt aufgefasst; das spiele mit einer spezifischen Anlage des Künstlers zusammen, einem ausgeprägten Sehen in Analogien.
So führt die Präsentation Giacomettis Figurenensembles auf Lichtungen zurück und auf Gehölz, das in seiner vertikalen Ausrichtung der Aufrichtung des Menschen und seinem aufrechten Gang als Charakteristikum der Spezies entspricht. Auch urbane Szenen auf Straßen und Plätzen sowie zufällige Konstellationen von Formationen im Atelier dienten dem Wahl-Pariser als Inspiration. Man sollte sich die Verwandlung von Gesehenem in Gestaltetes als komplexen Vorgang denken. Gerade Giacometti steht beispielhaft dafür. Die Porträts in seinem kleinen Pariser Atelier entstanden über lange Zeiträume, sie repräsentieren ein breites formales Spektrum. Seine Arbeit war von unablässigen Skrupeln und Zweifeln geprägt. Sein Schaffensprinzip war der stete Neuanfang. Er unterwarf sich der Sisyphos-Arbeit einer unermüdlichen Erkundung dessen, was er vor sich sah und was er in sich trug. Ob er im Sinne von Camus glücklich dabei war? Zumindest akzeptierte er sein wiederkehrendes Entwerfen und Verwerfen als unabdingbaren künstlerischen Auftrag. Fragen schienen ihm wichtiger zu sein als Ergebnisse.
Und je tiefer sich Giacometti einsieht und einfühlt, das macht die Ausstellung nachvollziehbar, desto so größer wird der Abstand zu den Objekten seiner Wahrnehmung und Gestaltung. Die Personen und deren Figurationen entgleiten ihm. Zugleich befördert er selbst deren Entfernung. Denn erst in der Weite verschmelzen sie für ihn zu einer Einheit. Erst wenn kein Detail seine ganze Aufmerksamkeit mehr beansprucht, erscheinen die Konturen integriert, gewinnen die Figuren eine Identität. Ein Endpunkt ist damit allerdings nicht erreicht. Denn weiterhin fließen in den Plastiken die Oberflächen in einer amorphen Stofflichkeit. Und die Schreitenden, Anleihen aus der altägyptischen Kultur, bleiben in geometrisierter Haltung unterwegs zwischen dieser und jener Welt. Von beiden wissen wir wenig genug bis gar nichts. Das macht Giacomettis Kunst sichtbar und einsichtig.




