Shilpa Gupta: we last met in the mirror
Kunsthalle St. Annen, St. Annen-Str. 15, Lübeck.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 1. März 2026
[—artline>Nord] Mit der Verleihung des Possehl-Preises für Internationale Kunst widmet die Kunsthalle St. Annen Shilpa Gupta erstmals in Deutschland eine umfassende Einzelausstellung – und setzt damit ein starkes Zeichen: für eine Kunst, die Grenzen nicht nur thematisiert, sondern sie konsequent befragt, verschiebt und infrage stellt. Die 1976 in Mumbai geborene Medienkünstlerin zählt zu den wichtigsten Stimmen einer global vernetzten Gegenwartskunst, die eurozentristische Narrative bewusst unterläuft und komplexe politische Wirklichkeiten sichtbar macht. Guptas Werk, das seit den späten 1990er-Jahren entsteht, kreist um Fragen von Zugehörigkeit, Überwachung, Zensur, Religion und Menschenrechten. Immer wieder geht es dabei um Grenzen – geographische, soziale, psychologische. Gupta interessiert, wie staatliche Apparate diese Linien ziehen, wie sie Identitäten formen und Lebensrealitäten zerteilen. In sensiblen Grenzräumen, ob auf dem indischen Subkontinent oder im ehemaligen europäischen Randzonenraum, prallen Vorstellungen von Nation, Gemeinschaft und individueller Freiheit besonders deutlich aufeinander.
Die Ausstellung in Lübeck präsentiert zentrale Werkgruppen aus mehreren Jahrzehnten: robotische Mechanismen, interaktive Soundarbeiten, fotografische Lichtbilder, computergestützte Installationen und gefundene Objekte. Viele Arbeiten operieren mit Sprache – als Medium der Macht, als Instrument der Ausschließung, aber auch als Ort gemeinsamer Erfahrung. Gupta nutzt technische Systeme ebenso selbstverständlich wie poetische Setzungen und knüpft damit an Traditionen der Konzeptkunst an, erweitert diese jedoch um eine dezidiert nicht-westliche Perspektive.
Gerade in Lübeck entfalten ihre Arbeiten eine besondere Resonanz. Die Hansestadt, deren Geschichte und Lage von jahrhundertelangen transnationalen Verflechtungen und Erfahrungen mit politischen Grenzziehungen geprägt sind, bildet einen vielschichtigen Hintergrund für Guptas Fragestellungen. Wie wirken Grenzen auf Identitäten? Wie verändern sie Gemeinschaften? Und wie lassen sie sich mit künstlerischen Mitteln befragen?
Mit der Wahl Shilpa Guptas als dritter Trägerin des Possehl-Preises nach Doris Salcedo und Matt Mullican würdigt die Jurry der Lübecker Possehl-Stiftung ein Werk, das global denkt und lokal berührt. Die Ausstellung lädt dazu ein, gesellschaftliche Konfliktlinien im Spiegel des eigenen Alltags zu erkennen – und die fragile Konstruktion scheinbar fester Grenzen neu zu bedenken.


