Eva Lootz: Im Rhythmus des Wandels

Eva Lootz
Eva Lootz, Serie Nudos, 2011. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2025. © 2025, ProLitteris, Zurich. Foto: Finn Curry
Review > Basel > Kunsthaus Baselland
10. Dezember 2025
Text: Annette Hoffmann

Eva Lootz.
Kunsthaus Baselland, Helsinki-Str. 5, Basel-Münchenstein.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 3. Mai 2026.
www.kunsthausbaselland.ch

Eva Lootz
Eva Lootz, Salario, 2024, courtesy the artist, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland, 2025, © ProLitteris, Zürich, Foto: Finn Curry
Eva Lootz
Eva Lootz, Lágrimas negras, 1997, courtesy the artist, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland, 2025,© ProLitteris, Zürich, Foto: Finn Curry

Die Hände greifen ineinander und die eben noch parallellaufenden Fäden kreuzen sich im nächsten Moment. Zwei Frauen nehmen einander die zu einem Loop verbundene Kordel ab. Mit ihren Fingern erzeugen sie ständig neue netzartige Muster so wie auch die Frauen unentwegt miteinander interagieren und sähe man sie von oben, einer Choreografie folgten. Eine weibliche Stimme spricht einen Text, der nur sehr lose mit dem verbunden ist, was man sieht. So erzählt sie etwa von der Fingerfertigkeit einer Frau und deren Wunsch, eine Decke aus Schnee zu schaffen. Doch sobald sie sich mit ihr wärmen will, schmilzt sie und bildet eine Pfütze. „Entre Manos“ heißt die 2011 entstandene Videoarbeit von Eva Lootz (*1940), die derzeit in ihrer umfassenden Einzelschau im Kunsthaus Baselland zu sehen ist. Das Fadenspiel gibt es fast überall auf der Welt und wohl auch seit sehr Langem. Mit einer Schnur, ein oder zwei paar Händen lassen sich Muster schlingen, die so verlässlich wirken wie eine Ingenieursleistung. Doch sobald man die Hände löst, bleibt nur die Schnur. In Münchenstein wird das Video von der Serie von bunten Zeichnungen auf Millimeterpapier „Nudos“ begleitet. Einige unter ihnen greifen das Motiv des Fadenspiels auf. Sei es durch Muster, Punkte, die einen Hypertext bilden oder eine Spinne. „Mother spider told us“ ist darauf zu lesen. Der Faden ist ein symbolträchtiges Bild. Er berichtet von weiblicher Schöpfungskraft, vom antiken Lebensfaden, der von den Parzen gesponnen und gekappt wird, bis hin zu Louise Bourgeois‘ mütterlicher Spinne, die bei Lootz einiges an Autorität mitbringt.

Lootz‘ Arbeiten haben bis in die 1990er Jahre eine Anmutung von Arte Povera, doch es ist geprägt von Überlegungen zu Weiblichkeit, Ökologie und Geschichte. Mitte der 1960er Jahren zieht die gebürtige Wienerin nach Spanien. Im Nationalsozialismus aufgewachsen, lebt und arbeitet sie fortan unter der Franco-Diktatur, die bis zu dessen Tod 1975 dauert. Gut möglich, dass ihre Skepsis gegenüber Sprache von dieser Erfahrung herrührt. „Die Sprache sagt nichts über das, wofür wir keine Worte haben“, steht in einem der Ausstellungsräume an der Wand. Ihr Misstrauen gilt darüber hinaus auch Materialien, die nicht wandelbar sind und ihre Form behalten. In den 1980er Jahren arbeitet sie mit Paraffin und mit Quecksilber. Letzteres ist ein Hinweis auf den Reichtum an Bodenschätzen in Spanien und seine lange Geschichte des Bergbaus. Lootz reist zu aufgegebenen Minen und macht Fotos, im Kunsthaus Baselland sind sie als Wandarbeit zu sehen. Dabei geht es ihr nie allein um das Material und seine Eigenschaften, sondern auch um die damit verbundene Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die wiederum Auswirkungen auf die Kunstproduktion ihrer Zeit hat. Wenn sie mit Salz arbeitet, schwingen nicht nur die Salinen Spaniens mit, sondern auch die Bedeutung des Salzes für eine Stadt wie Venedig, deren Prunk auch durch die Gewinnung von Salz finanziert wurde. In Münchenstein entstand ihre Bodeninstallation „Salario“ mit Salz aus dem benachbarten Pratteln. Sie hat es zu Kegeln auf und neben einer Reihe von Holzscheiten, die mal nach links, mal nach rechts geneigt sind, rieseln lassen.

Nicht allein das Sichtbare macht die Installationen, Objekte und Filme von Eva Lootz aus. Narrationen oder überhaupt Texte begleiten sie. Dabei kommen diese – insbesondere in ihren Videoarbeiten – nicht zur Deckung. Während man in „Mil veces, sin importarle el tiempo“ dem Verlauf von Wasser folgt, von einem Wasserfall, der Gischt, hin zu einem Bach und Tümpeln und sehr viel grüner Vegetation, hört man von Naturbetrachtungen, von einem sich nähernden Gewitter, von der feuchten Luft an Fenstern, dem Fressverhalten von Fasanen. Wir folgen der Suche einer Erzählerin nach der Landschaft ihrer Kindheit. Was wir sehen und was wir hören, ist wie ein Gewebe miteinander verbunden.