Die Dritte Generation – Der Holocaust im familiären Gedächtnis: Die Gegenwart der Vergangenheit

Dritte Generation
Valérie Leray, aus der Serie "Places with no Names", Golfplatz, Mulsanne 2006 (Internierungslager für Roma, 1940-1942, Frankreich), © Valérie Leray
Review > München > Jüdisches Museum
1. Dezember 2025
Text: Roberta De Righi

Die Dritte Generation – Der Holocaust im familiären Gedächtnis.
Jüdisches Museum, Sankt-Jakobs-Platz 16, München.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 1. März 2026.
juedisches-museum-muenchen.de

Dritte Generation
Hannah Bischof, Die Klinik, 2015, © Hannah Bischof
Dritte Generation
Alfred Ullrich, Window Pain, 2018, © Alfred Ullrich

Die Menschen in Mirta Kupfermincs (*1955) Schwarzweißgrafik „En Camino“ (Unterwegs) schleppen schwere Bäume mit sich herum. Die Figuren sind mit Stamm und Ästen verwachsen, aber die Bäume sind entwurzelt. Das ausdrucksstarke Bild ist Teil der Austellung „Die Dritte Generation – Der Holocaust im familiären Gedächtnis“, die das Jüdische Museum München zeigt. Die umfangreiche, vielstimmige Schau mit Werken von 30 Künstlerinnen und Künstlern ist eine weitere – für München behutsam adaptierte – Übernahme aus dem Jüdischen Museum Wien. Sie vereint höchst unterschiedliche Werke, in denen sich die Nachgeborenen, die die schmerzhafte Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern mitunter nur ahnten, mit der Nachwirkung der Shoah in dritter Generation auseinandersetzen. Vor dem Hintergrund des Hamas-Terrors vom 7. Oktober 2023 und der damit verbundenen Re-Traumatisierung, aber auch angesichts Israels schonungsloser Kriegsführung in Gaza ist es eine nicht eben leichte Aufgabe, eine solche Ausstellung zu kuratieren. „Wo ist heute ein sicherer Hafen?“, fragt sich angesichts dessen Peter Schwarz, Wiener Nachfahre von Holocaust-Überlebenden. Und es steht die bange Frage der Berliner Dichterin und Erzählerin Esther Dischereit im Raum: „Glauben Sie, wir nehmen Auschwitz mit ins neue Jahrtausend?“

Nachdem die Zeitzeugen-Generation die Schrecken der Verfolgung und Vernichtung oft in einen Mantel des Schweigens hüllte, waren es die Nachgeborenen, die die psychische Deformationen unmittelbar zu spüren bekamen – und erstmals nachfragten. Und es ist die Enkel-Generation, die das Geschehene jetzt ebenso reflektieren kann, wie familiäre Verhaltensmuster hinterfragen. So wie Zsuzsi Flohr (*1981), die den Rucksack rekonstruiert, mit dem ihr Großvater die Zwangsarbeit in Serbien überlebte. Oder Dvora Morag (*1949), die mit der Plastik „Hexe“ aus Kunstharz eine Büste schuf, die lange konisch zuläuft und schließlich mit einem Docht endet. Es ist eine irritierende Mixtur aus Kopf und Gedenkkerze – und charakterisiert auch ihre eigene Rolle innerhalb der Familie. Rafael Goldchain (*1953) indes setzte sich mit seiner Familiengeschichte auseinander, indem er sich für das Foto-Projekt „I AM My Family“ in mehr als dreißig seiner durch die Nazis ermordeten Verwandten verwandelte. Und Esther Safran Foer (*1946) brachte Gläser aus Polen mit, in die sie Erde von Orten füllte, an denen Verwandte umgebracht wurden.

Einigen Raum nehmen auch die Nachfahren der von den Nazis ermordeten Sinti und Roma ein. So suchte etwa die Fotografin Valérie Leray (*1975) mit der Kamera nach Unsichtbarem: Sie reiste in heute scheinbar idyllische Landschaften, in denen sich einst Internierungslager für Sinti und Roma befanden – darunter einen französischen Golfplatz. Der Dachauer Künstler und Grafiker Alfred Ullrich (*1948) wiederum reduziert das Muster der Gardine vom Wohnwagen seiner Mutter zum blumigen Ornament. Auf eine archäologische Spurensuche begaben sich Helena Czernek (*1985) und Aleksander Prugar (*1984). Sie nahmen auf ihrer Tour durch Polen Abgüsse von Mezuza-Kerben an Türstöcken ab, die an Häusern einstiger jüdischer Bewohner auf die Tora verwiesen. Jonathan Rotsztain (*1985) gestaltete eine Tapete, deren Motive nicht direkt zu bürgerlichen Wohnzimmer-Wohlbehagen passen: Es ist eine Art Kreuzweg der Judenverfolgung. Während die Rückkehr zu einer Art von „Normalität“ Jonathan Rosens (*1959) Fotografien von jüdischen Hochzeitszeremonien der Nachgeborenen in New York dokumentieren.

Wie schwer freilich der Versuch der Wiederherstellung von Gerechtigkeit ist, zeigt Menachem Kaisers (*1985) Dokumentation seines Besuchs bei den Bewohnerinnen und Bewohnern des Warschauer Mietshauses, das vermeintlich einst seinem Großvater gehörte. Auch diese Begegnungen zeigen: Die Vergangenheit ist noch lange nicht vorbei.