Iris Touliatou: Shifts.
Kunstverein München, Galeriestr. 3, München.
Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 23. November 2025.
kunstverein-muenchen.de
Es gibt verschiedene Arten, sich zu verabschieden. Im Kunstverein München geschieht das in Form einer Holzwand, die im zentralen Ausstellungsraum im ersten Stock steht. Umgeben von buntem Konfetti auf dem Boden gibt sie dort den Betrachtenden Rätsel auf. So wie der schwarze Monolith, um den in Stanley Kubricks Film „2001“ die wilden Affen tanzen. Vom Verabschieden ist hier die Rede, weil es Ende des Jahres einen Wechsel in der Leitung gibt. Die seit 2019 amtierende Direktorin Maurin Dietrich und ihr Team hören ihrem Vertrag entsprechend auf. Vom 1. Januar 2026 an wird der Belgier Tom Engels, derzeit künstlerischer Leiter des Grazer Kunstvereins, das Ruder übernehmen. Aber zuvor steht nun diese Wand im Kunstverein. Als Teil der letzten regulären von Dietrich & Co. verantworteten Ausstellung. Deren Titel lautet „Shifts“. Und gewidmet ist sie der griechischen Künstlerin Iris Touliatou, die damit ihre erste größere Ausstellung in Deutschland hat. Wobei groß, das ist hier relativ. Die erwähnte Holzwand mit dem Titel „Bad Cover“ (2025) ist mit vier Metern Höhe und 13 Metern Breite tatsächlich riesig. Was die Kunstwerke insgesamt angeht, ist das alles aber recht überschaubar. Im Treppensaal gibt es an einer Wand 300 Fotos in Form von Kontaktabzügen. Zudem ist dort eine Art Soundtrack zu hören. Dann sind da noch ein Spind, Stühle sowie ein aufgehängtes Plakat im letzten Raum und ein paar Plakat-Rollen, die Werbung für die Ausstellung „Making Theatre“ im benachbarten Deutschen Theatermuseum machen. Und man fragt sich: Gehört das auch zu „Shifts“ oder ist da irgendetwas hängen- oder liegengeblieben?
Das ist es nicht. Sondern es wurde von der 1981 in Athen geborenen Künstlerin alles so platziert. Und auch wenn die Schau sehr komprimiert und übersichtlich wirkt, tut sich hier bei tieferer Auseinandersetzung, beim Lesen des Begleithefts, ein ziemlich großer Kosmos auf. Und der nennt sich: Kunstverein. Denn was Iris Touliatou mit den Objekten aufzeigen will, das sind die Infrastrukturen, Abhängigkeiten oder auch Verwandtschaften, die zum Kunstverein als Institution gehören. Fangen wir mit der Wand an, die eigentlich aus mehreren Wänden besteht. Da sind zum einen Display-Module, die vom Haus der Kunst und der Münchner Rathausgalerie geliehen wurden. Und dann sind da Holzpaneele, die früher als Winterabdeckungen für Skulpturen und Brunnen im öffentlichen Raum dienten. Und deren rechtliche Eigentümerin die Bayerische Schlösserverwaltung ist. Die Paneele zu bekommen, war anscheinend ein Kraftakt. In Form eines umfassenden Schriftwechsels mit der Schlösserverwaltung, dem Staatlichen Bauamt und der für die Instandhaltung zuständigen Schreinerei, die am Ende die Erlaubnis zur Herausgabe erhielt. Was dabei als Hintergrund noch wichtig ist: Die Bayerische Schlösserverwaltung ist auch die Vermieterin des Kunstvereins, der zudem in Teilen vom Bayerischen Staat finanziert wird. Und dieses Beziehungsgeflecht ist es, um das es Touliatou wesentlich geht. Der Bezug zum Theatermuseum wiederum ist der, dass dieses als Nachbar räumlich nahezu ein Zwilling des Kunstvereins ist. Zudem finden vereinzelt Veranstaltungen des Theatermuseums im Kunstverein statt. Was aber kaum jemand weiß und durch die Ausstellung stärker ins Blickfeld rücken soll.
Die Bilder auf den Kontaktabzügen wurden bei einer Preview gemacht, zu der sämtliche Mitglieder des Kunstvereins eingeladen waren. Eine eigentlich geschlossene Veranstaltung wird damit öffentlich gemacht. Auch hier geht es letztlich darum, bestehende, meist unsichtbare Beziehungen aufzuzeigen. Und man bekommt eine Ahnung, warum Maurin Dietrich sich für Iris Touliatou als „Abschiedskünstlerin“ entschieden hat. Weil deren „anatomischer“, sehr erhellender, sich aber teilweise nur über Umwege vermittelnder Zugriff auf den Kunstverein als Institution noch einmal zeigt, wo Dietrich und ihr Team die letzten Jahre gewirkt haben. Mit Ausstellungen, die insgesamt recht konzeptuell waren. Nicht selten mit einem feministischen Ansatz. Und man muss sehen, in welche Richtung es nun mit Tom Engels geht.



