Louise Giovanelli

Louise Giovanelli
Louise Giovanelli, Stoa, 2024, © DACS 2025, Foto © White Cube (David Westwood)
Porträt
2. Oktober 2025
Text: Leon Hösl

Louise Giovanelli: A Song of Ascents.
Museum Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60, München.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
18. Oktober 2025 bis 15. März 2026.
www.villastuck.de

Louise Giovanelli
Louise Giovanelli, Cypher, 2024, © DACS 2025, Foto © White Cube (David Westwood)
Louise Giovanelli
Louise Giovanelli, Harmony, 2024, © DACS 2025, Foto © White Cube (David Westwood)

Die gefeierte britische Künstlerin Louise Giovanelli (*1993) sticht, abseits ihrer strahlenden, fast glamourösen Malerei, auch dadurch heraus, dass sie nicht die Kunst- und Finanzmetropole London, sondern Manchester als Lebensmittelpunkt gewählt hat. Dort nutzt sie gemeinsam mit einer jungen Community von Künstler*innen riesige Fabrikhallen als Studio und gründete kürzlich sogar eine eigene Kunstschule, die Personen aus einkommensschwachen Familien eine Ausbildung ermöglichen soll. Diese authentische Identifikation mit der Arbeiter*innenstadt im Nordwesten Englands zeigt sich auch in Giovanellis malerischem Werk. Darin sind aktuell die Theatervorhänge britischer Working men’s clubs eine häufige Vorlage für großformatige Malereien, welche die inzwischen fast ausgestorbene proletarische Subkultur der Arbeiterklubs feiern – nicht ohne einen Hauch von Nostalgie, welcher den auf den Bildern noch strahlenden, aber in der Realität verblichenen und verstaubten Vorhängen anhaftet.

Das Werk der in Wales aufgewachsenen Künstlerin, die auch einige Semester an der Frankfurter Städelschule studierte, feiert die Malerei und ihre Fähigkeit, Licht, Farbe und Texturen zum Leuchten zu bringen, was ansteckend wirkt: vor den Bildern wird man Zeuge eines vibrierenden Moments, der sich aus einem Club, einem mitreißenden Konzert oder einer spirituellen Erfahrung in den Ausstellungsraum zu übertragen scheint. Ihre Motive sind oft Fragmente eines rauschhaften Zustands: Gesichter, die sich in Cocktail-Gläsern spiegeln, zwei Münder, die miteinander verschmelzen. Durch den starken Fokus auf das Detail bleiben sie oft jedoch auch ambivalent und unheimlich. Und das nicht zufällig: Das Bild einer Frau mit lasziv geöffnetem Mund stammt aus „Alice, Sweet Alice“ (1976), einem Kult-Horror-Slasher über die Erstkommunion zweier Kinder. Häufig bewegt sich der Ausdruck der zumeist weiblichen Protagonistinnen in Giovanellis Gemälden auf einem schmalen Grat zwischen lustvoller Ausgelassenheit und Gewalt. Formal dominieren Hochformate, die an den Medienkonsum auf Smartphones oder an Altarflügel erinnern – besonders, wenn man den religiösen Unterton aufgreift, der im Titel ihrer aktuellen Ausstellung „A Song of Ascents” mitschwingt.

In Interviews mit der Künstlerin erfährt man von ihrer Begeisterung für Pop-Musik, die sie als zeitgenössisches Gefäß für kollektive spirituelle Erfahrungen interpretiert, was ebenfalls gut zu Manchester passt, der Stadt, die für die kathartische Übersetzung post-industrieller Tristesse in ekstatischen Post-Punk steht. Pop-Musik, so Diedrich Diederichsen, ist dann erfolgreich, wenn ihre Protagonisten es schaffen, die richtige Balance zwischen nahbarer Authentizität und inszenierter Künstlichkeit zu halten, und ihre Fans fesseln, egal ob sie Stadien füllen oder auf den Smartphones mit „privaten Einblicken” aufscheinen. Giovanellis Malerei hält diese Spannung: auf den unergründlichen Texturen der Vorhänge funkelt und glänzt das Bühnenlicht und in ihrer Porträtmalerei pausieren die Gesichter im Moment größter Ekstase und Leidenschaft, so dass wir jedes Detail aus nächster Nähe studieren können. Doch diese Emotionalität ist doppelt inszeniert: Die Malerei macht die schauspielerischen Posen der filmischen Vorlagen zum losgelösten Fragment, das vom Ausstellungspublikum wieder mit neuem Gehalt gefüllt werden muss. Denn letztendlich ziehen wir als Besucher*innen den Vorhang auf und bringen Leben in die leeren und stillen White-Cube-Kathedralen, in denen die vibrierenden Malereien verharren.