Rose Wylie: Flick and Float.
Zentrum Paul Klee, Monument im Fruchtland 3, Bern.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 5. Oktober 2025.
www.zpk.org
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Snoeck Verlag, Köln 2025, 136 S., 48 Euro | circa 66.90 Franken.
Rose Wylie (*1934) muss ein besonderes Faible für Beine haben. In einem Filmporträt, das in ihrer Ausstellung „Flick and Float“ im Berner Zentrum Paul Klee zu sehen ist, erzählt sie, wie ein Hochzeitsporträt von Maria I. und Phillip II. aus dem 16. Jahrhundert sie derart irritiert habe, dass sie ihre eigene Version malen musste. Um genau zu sein wegen Phillips Beinen. Im Bild „Mary and Philip and Little Rose (Hall)“, das 2025 entstanden ist, wirken die Beine sogar noch kürzer. Wylie hat das Paar vor einen dunklen Hintergrund gesetzt, aus dem ein weißes Fensterkreuz hervorleuchtet, und um eine Szene an ihrem Kamin mit zwei weiblichen Figuren ergänzt. Im Grand Jeté wiederum scheinen mehrere blonde, nackte Tänzerinnen über einem hellen Hintergrund zu schweben. In schwarzer Schreibschrift steht rechts der Titel „Following-on after the news hullo hullo“ auf der Leinwand. Die Tänzerinnen mit den filmreifen Lockenfrisuren haben die Silhouette von Kleiderbügeln. Die vielfältigsten Beinformen und die beste Fußtechnik weisen jedoch die fünf Ballkünstler von „Yellow Strip“ auf, darunter Jens Lehmann und Ronaldinho. Mit grafischen Zeichen deutet die Malerin die Dynamik des Spiels an. Und dann sind da noch ihre eigenen Beine, die auch im Film von einer farbigen Strumpfhose bedeckt sind und in robusten Wanderschuhen enden. Schließlich entfernt sie in ihrem Atelier seit Jahren überschüssige Farbe mit Zeitungspapier vom Pinsel, das mittlerweile den ganzen Boden bedeckt.
Ihre Bildideen entlehnt die Malerin einer überwiegend medial vermittelten Welt. Fernsehsendungen sind manchmal Motivgeber, aber auch Kunstwerke, Filme oder Artefakte wie eine babylonische Göttin, die sie im British Museum entdeckte. Wylie übernimmt vom Relief die Löwen, auf denen die weibliche Figur steht und eine der beiden seitlichen Eulen, scheut sich aber auch nicht, das historische Idol einem männlichen Model gegenüberzustellen, das bei einer Modenschau für Gucci lief. Und sie schnürt Jahrtausende auf den Augenblick des Bildes zusammen, indem sie eine Verbindung von der babylonischen Göttin hin zur ersten Frau Adams und dem Feminismus zieht: „Lilith eighteen hundred BC The first Feminist“. Während der Zeit, in der sie sich vor allem um die Familie kümmerte, hat sie viel gelesen, nun ist das Sehen an die Stelle des Lesens getreten. Schrift ist oft ein Element auf ihren Bildern.
Es ist etwas mitreißend gut Gelauntes um diese Werke. Vielleicht auch, weil Profanes Hauptrollen übernehmen darf, aber nicht dominiert. Und weil Wylie die Kunst der Verknappung kennt. In „Hair, Fruit and Chocolate Rabbit (Queen of Sheba and 2 Djinns“ von 2012 stehen im leeren Bildraum eine Frauenfigur in grünem Kleid, eine blaue Beere und ein roter Osterschokohase als seien sie beste Freunde. Um den Lockenkopf der Frau, die nur von hinten sichtbar ist, hat Wylie kurze, eng aufeinander getaktete gelbe Striche gesetzt, um ihre Füße schwarze. Es entsteht der Eindruck, dass gleich etwas passieren könnte, dass sich die Figur in Bewegung setzen könnte und wir nur eine Momentaufnahme sehen.
So grenzenlos Rose Wylies Repertoire an Motiven scheint, zu denen Haselnussblätter, Papier-Anziehpuppen, Katzen und Frühstücksteller gehören, so beständig ist ihre Vorgehensweise. Wylie malt auf Leinwänden, die mit Hasenleim bestrichen sind, ihr Format orientiert sich an den Gegebenheiten ihres Hauses. Alles fließt, die Leinwände sind noch nicht aufgezogen, wenn Wylie zu malen anfängt, und um ihre Motive zu formen, zeichnet sie sie meist und collagiert diese Skizzen übereinander. Im Zentrum Paul Klee sieht man wesentliche Motive ihrer Bilder in diesem frühen Stadium mit Farbbezeichnungen und Kommentaren versehen. Vielleicht war Rose Wylie mit ihrem Werk spät dran, doch sie verfolgt es mit einer nicht nachlassenden Heiterkeit.




