Gib Stoff! Textile Bilder im Raum: Vom Umgang mit Traditionen

Gib Stoff Christoph Hefti
Christoph Hefti, Project Little House at Dries Van Noten, Los Angeles, 2021, Courtesy the artist & Gallery Maniera, Foto: Andrew Lee
Review > Winterthur > Gewerbemuseum
21. September 2025
Text: Annette Hoffmann

Gib Stoff! Textile Bilder im Raum.
Gewerbemuseum Winterthur, Kirchplatz 14, Winterthur.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 2. November 2025.
www.gewerbemuseum.ch

Grau ist für andere. Klar, graue Teppiche passen immer. Doch vermutlich würde ein Teppich von Chris­toph Hefti (*1967) jede der Interieurphasen, die wir im Laufe unseres Lebens durchmachen, souverän überstehen und uns selbst noch überdauern. Im Gewerbemuseum Winterthur fügen sich seine Teppiche zu Szenerien, denn jeder ist eine Landschaft. Blaue Wollfäden springen aus Felsvorsprüngen und die Farbverläufe sind geradezu delikat. Die Wand- und Bodenteppiche sowie Keramiken Heftis sind sich in Winterthur selbst genug. Man kann sich dazu kaum Möbel oder eine Einrichtung vorstellen, in die sie sich einfügen würden. Der Schweizer Hefti kommt von der Mode und wird da den großen Auftritt gelernt haben. Nach dem Studium in Zürich und am Central Saint Martins College in London hat er vor allem in Belgien gearbeitet. Seine Teppiche werden in Nepal geknüpft, der tibetische Knoten sorgt für viel Flor. Wie Caroline Achaintre erkennt er Gesichter, wo andere vermutlich nur ein Wirrwarr von Fäden sehen.

Die Ausstellung „Gib Stoff! Textile Bilder im Raum“ zeigt mit Hefti, Stéphanie Baechler (*1983) und Sonnhild Kestler (*1963) nicht nur drei Vertreterinnen und Vertreter zeitgenössischen Textildesigns in der Schweiz, sie demonstriert auch, wie diese mit traditionellen Narrationen und Techniken umgehen. Auch Sonnhild Kestler lässt den tibetischen Knoten einsetzen, vor allem bei ihren Kissen, um Volumen zu erzeugen. Ihr Bildprogramm beruht auf einem extrovertierten Synkretismus, der indische Paisleymuster mit Tieren oder schwarz bezopften Figuren verbindet und beginnt mit dem Siebdruck in ihrer Werkstatt. In Vitrinen sieht man, was sie beeinflusst. Quasten und Pompons, asiatische Göttermasken und hellblaue Schuhe aus den 1970er Jahren inspirieren ihre Farbwahl und die Motive. Während Hefti sich auf klassische Landschaftstopoi und orientalische Gartenmus­ter bezieht, beruht bei Kestler alles auf dem Prinzip der Collage. Ein dechiffrierbares Narrativ entsteht auf diese Weise nicht mehr. Stéphanie Baechler greift in ihren Textilarbeiten Eindrücke von Reisen und Stipendienaufenthalten auf. Dokumentationen ihrer Arbeit „Forget me not“, die im Rahmen der Textile and Design Alliance in Arbon (TaDA) entstand, zeigt die innovative Seite der Textilindustrie und macht ihre Verfahren sichtbar. Die Lochkartenstreifen eines Vergissmeinnicht-Stickmusters ließ sie von einem historischen Trockenturm in St. Gallen hängen, wo früher Stoffe trockneten. Auch so kann man mit der Tradition umgehen.