Hudinilson Jr., Echoes in Xerox.
Kunsthaus Biel/Centre d’art Bienne, Seevorstadt 71-73, Biel/Bienne.
Mittwoch, Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 12.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
21. September bis 30. November 2025.
www.kbcb.ch
Wenn Hudinilson Jr. Ende der 1970er Jahre in seinem Atelier an Selbstporträts arbeitete, zog zum Schnappen des Papiergreifers und zum Surren der Lüftung regelmäßig ein greller Lichtstreifen über die Decke. Fotografien von seinen Sessions zeigen den Künstler, damals Anfang 20, wie er in waghalsigen Verrenkungen auf einem Kopiergerät herumklettert, um Teile seines linken Oberschenkels, den Kieferansatz oder ein Stück Schulterrücken so passgenau auf die Kopiererscheibe zu bringen, dass sich aus den A4-Bögen, die das Gerät ausspuckte, am Ende ohne Verschnitt ein Ganzkörperporträt montieren ließ. Das neugierige, durchaus lustbetonte Workout an der Maschine – oft kurz vorm Slapstick – korrespondierte gut mit der herausfordernden Sinnlichkeit der Selfies, die dabei entstanden. Der Titel der Soloschau, die die Galerie KOW dem 2013 verstorbenen Künstler zuletzt beim Berliner Gallery Weekend widmete, lautete passenderweise: „Exercícios de me ver“, auf deutsch: Übungen, sich selbst zu sehen. Diese sind nun auch Teil einer umfangreichen Werkschau des „zeitgenössischen Narziss“ (Hudinilson über Hudinilson) im Kunsthaus Biel. Zu sehen sind neben großformatigen Xerox-Arbeiten auch Collagen und eine Auswahl seiner zahllosen Künstlerbücher, als vergleichende Körperarchive zusammengeschnitten aus Bildern von nackter Haut aus Antikenkatalogen, Zeitschriften, Reproduktionen religiöser Gemälde oder Schwulenpornos. Man könnte die „Cadernos de Referencia“ als Dokumente einer erotischen Obsession lesen. Tatsächlich waren sie aber auch Relikte seines Kampfes für sexuelle Selbstbestimmung und gegen die politischen und gesellschaftlichen Kräfte, die sein Begehren unterdrücken wollten. 1957 in São Paulo geboren, wuchs Hudinilson Jr. während der Militärdiktatur in einem extrem homophoben Klima auf. Nicht ohne Grund war das Private für ihn immer schon politisch. Sichtbarkeit und Erfolg interessierten ihn nicht, solange sie sich auf die engen Grenzen des kommerziellen Kunstbetriebs beschränkten. Er suchte die Öffentlichkeit, mit kostengünstigen Mitteln, inspiriert von Plakatkunst und Agitprop, allein und in der Gruppe. 1979 gründete er so mit zwei Freunden das Künstlerkollektiv 3NÓS3. Das Trio enterte regelmäßig bei Nacht Denkmäler in der Stadt und zog den Nationalhelden der Militärjunta Plastiktüten über die Köpfe – als künstlerische Intervention gegen Folter und illegitime Macht.
In Biel wird Hudinilson Jr.s Werkschau flankiert von einer Einzelausstellung des französischen Künstlers Jean-Charles de Quillacq (*1979), der ausgehend vom künstlerischen Konzept der „morbidezza“ die Weichheit des männlichen Körpers ins Zentrum seiner Arbeit stellt.

