(K)eine Pause – Ausruhen im digitalen Zeitalter.
Villa Merkel – Galerie der Stadt Esslingen, Pulverwiesen 25, Esslingen.
Dienstag, Mittwoch, Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 14.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 5. Oktober 2025.
www.villa-merkel.de
Wer kennt das nicht: morgens geht der erste Griff zum Handy, nachts der letzte. Dazwischen: Pausenloses Gucken, Plingen, Checken, Lesen, Senden, Knipsen, Filmen. Kurzum: Das Leben, ein digitales Gehechel. – Aber ohne all die Tools, Apps und elektronischen Helferlein kann man es sich auch kaum noch vorstellen. Dieses Paradox wird nun in der Galerie der Stadt Esslingen beleuchtet, aus dem Blickwinkel von elf internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Die Galerie residiert in der historischen Villa Merkel, einem Prachtbau des späten 19. Jahrhunderts. Die zweigeschossige Empfangshalle ist umgeben von einem Säulengang, fast wie der Kreuzgang eines Klosters. Und genau wie in vielen dieser heiligen Orte, so rauscht nun auch im Merkel´schen Geviert ein Brunnen; beziehungsweise gleich vier. Allerdings erinnern diese hier nicht an den Garten Eden, sondern entspringen unserer digitalen Vorhöllen-Gegenwart. Galerieleiter Sebastian Schmitt: „Diese Brunnen, die die Künstlerin Caline Aoun produziert hat, sind angefüllt mit Druckerfarbe. Und zwar in den CMYK-Farbtönen, also den Grundlagen für jede Form des Digitaldrucks. Und dem entzieht sich diese Künstlerin; sie ruht sich sozusagen aus von der Datenflut.“
„(K)eine Pause – Ausruhen im digitalen Zeitalter“, heißt dann auch der Ausstellungstitel. Elf künstlerische Positionen – Skulpturen, Gemälde, Fotografien, Videos, Performatives – vom kürzlich verstorbenen Video-Großmeister Bill Viola (1951-2024) bis zur Generation Z. Sie alle beleuchten das Thema, mit dem wohl jede und jeder zweischneidige Erfahrungen gemacht hat. „Es gibt eine zunehmende Entgrenzung zwischen digitalem und analogem Leben“, sagt Sebastian Schmitt. „Immer mehr Menschen wünschen sich eine Pause, aber gleichzeitig überwachen wir mit unseren Handys das Schlafverhalten unserer Babys. Es gibt nicht mehr diese klare Grenzziehung. Und die Frage, ob sie überhaupt möglich ist, und falls ja, wie die dann aussähe, das ist ein Aspekt dieser Ausstellung.“
Daher sind hier gut dosiert analoge, also körperliche Erlebnisse eingestreut: Jeppe Hein (*1974) gibt mit aufleuchtender Neonschrift den Takt vor für bewusstes Ein- und Ausatmen. An eine weiße Wand dürfen Besucher farbige Striche malen, ebenfalls im Rhythmus ihrer Atemzüge. Und die polnische Künstlerin Wiktoria (*1991) bietet an, für die Dauer des Ausstellungsbesuchs das eigene Handy einzutauschen gegen ein Ersatz-Objekt aus poliertem Stein: Gleich groß, gleich schwer und gleich glatt. Einmal in die Hosentasche gesteckt, spürt man fast keinen Unterschied. Ebenfalls körperlich, und zwar auf die harte Tour, hat die aus Russland nach Wien geflohene Künstlerin Anna Jermolaewa (*1970) das Thema Pause erkundet. Anfangs war sie auf Ruheorte im öffentlichen Raum angewiesen; doch immer mehr Bänke, Stufen und Simse sind mit Stacheln und anderen Hindernissen ausgestattet, die ein Verweilen verhindern sollen. In quälenden Videos kann man nun Jermolaewas Selbstversuche betrachten, diesen Hindernissen zum Trotz eine Ruhehaltung zu finden. „Man sieht, wie schwer ihr das fällt. Sie widersetzt sich dieser feindlichen Architektur und nutzt sie trotzdem, auch unter Schmerzen. Sie treibt es wirklich bis an die Grenze zur Verletzung“, sagt Schmitt.
Genau das Gegenteil von Kampf ist die Strategie des jungen Genfer Künstlers Thomas Liu Le Lann (*1994). Aus bunten Textilien näht er menschenähnliche, lebensgroße Figuren, die komplett erschlafft in den Seilen hängen. Und in einem Video, unterlegt von sanften Flötentönen, agiert er als Fecht-Athlet, der aber keinen einzigen Streich tut, sondern in voller Rüstung kopfüber in einen See springt. „Wir sind alle ständig im Wettkampf miteinander, auch in der Kunstwelt. Ich möchte aber Zusammengehörigkeit, keine Konkurrenz“, sagt Thomas Liu Le Lann, „meine Kunst soll ein safe space sein, wo ich versuche, nicht allzu viel über kapitalistische Strategien zu grübeln.“



