The Story That Never Ends. Die Sammlung des ZKM.
ZKM – Zentrum für Kunst und Medien, Lorenzstr. 19, Karlsruhe.
Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 20. September 2026.
www.zkm.de
Im Verlauf seines über 35-jährigen Bestehens hat sich das ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe einen Ruf erarbeitet als Institution, die sich mit den Neuen Medien und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen auf künstlerische Weise auseinandersetzt. Auch bei der Restaurierung von Medienkunstwerken hat das ZKM weltweit die Standards gesetzt und trägt mit dem 2004 gegründeten Labor für antiquierte Videosysteme wesentlich zu deren Erhalt bei. Im Rahmen der Ausstellung „The Story That Never Ends“ werden rund 100 aus der etwa 12.000 Werke umfassenden hauseigenen Sammlung und damit ein Querschnitt der Medienkunst seit den 1950er Jahren präsentiert. Außerdem gibt die Schau an ausgewählten Stationen Einblick in die Herausforderungen, die sich bei der Restauration von Medienkunstwerken ergeben, da es sich um ausgesprochen schnelllebige Technologien handelt, die oft nur wenige Jahre auf dem Markt waren (wenn sie sich überhaupt durchgesetzt haben), derer sich die Künstlerinnen und Künstler aber dennoch bedient haben.
Die ZKM-Sammlung, angelegt von Gründungsdirektor Heinrich Klotz und bis heute durch Ankäufe, Schenkungen und die Übernahme von Nachlässen stetig erweitert, gehört weltweit zu den größten und bedeutendsten Medienkunstsammlungen. In der Ausstellung zum 30-jährigen Jubiläum waren mit „Tempo Liquido“ von Fabrizio Plessi und der „Arche“ von Nam June Paik zwei Werke namhafter (männlicher) Vertreter der Medienkunst prominent platziert. Ihnen stellt Kuratorin Clara Runge jetzt weibliche Positionen gegenüber und versammelt im ersten Lichthof der Ausstellung zwei Generationen Künstlerinnen mit ganz unterschiedlichem thematischen Fokus. Ein echter Hingucker ist Ursula Neugebauers textile Rauminstallation „tour en l’air“, innerhalb derer sich sieben rote Abendkleider elegant im Raum drehen, und damit etwas über unsere Sehgewohnheiten aussagen. Aber auch Marie-Jo Lafontaines Videoskulptur „Les armes d’acier“ ist zu sehen, die 1987 erstmals auf der documenta 8 gezeigt wurde. Auf dem Altar der Ertüchtigung opfert Lafontaine den sich mit stoischer Miene stählenden Mann. Untermalt wird die Installation aus 27 Röhrenmonitoren, die eine altarähnliche Form ausbilden, durch Musikausschnitte. Sie bringen ein heroisierendes Moment ein, das in Zusammenhang mit dem Titel (die Belgier nannten die Bomben der Nazis „Tränen aus Stahl“) und der zig-fachen Wiederholung des Motivs in Kritik umschlägt. Frühe Medienkunstwerke von Künstlerinnen und Künstlern wie Walter Giers, Lynn Hershman Leeson, Rebecca Horn, Nam June Paik, Shigeko Kubota, Bill Viola oder Wolf Vostell und Peter Weibel stehen neben solchen einer jüngeren Generation. Dazu zählt etwa die interaktive Installation der Finnin Hanna Haaslahti. „Captured“ arbeitet mit Echtzeit-Gesichtserkennungstechnologie und versetzt die Betrachtenden unversehens in die Rolle von Akteuren: Nach dem Scannen des Gesichts wird dieses auf den Körper eines Avatars montiert und dann wahlweise zum Aggressor, Opfer oder Gaffer. Spielerisch zeigt die Installation massenpsychologische Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Ausbildung von Hierarchien auf und verdeutlicht, wie Situationen kippen können.
Eindrücklich führt die Ausstellung die Zeitgebundenheit von Medienkunstwerken vor Augen, die deutlich werden kann im Setting der Installation, der Verwendung bestimmter Technologien oder der visuellen Anmutung. Sie zeigt aber auch, dass Ästhetik zeit- und ortsungebunden über die Jahrzehnte wirkmächtig sein kann, dass die großen gesellschaftlichen Themen – ob die Gleichberechtigung von Frauen, der männliche Blick auf sie, aber auch Fragen nach Gewalt und Unterdrückung – Künstlerinnen und Künstler gleichermaßen zu allen Zeiten beschäftigt haben. Ihre Anmutung ist unterschiedlich, auch, weil Kunstschaffende als Seismographen ihrer Zeit die jeweils zugänglichen Medien verwenden und damit im besten Fall Kunstwerke erschaffen, die auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung einen Nachhall finden.




