Déborder la rivière: Mäandernder Kulturraum

Deborder la riviere
Déborder la rivière, Ausstellungsansicht, La Kunsthalle Mulhouse, 2025, Foto: © La Kunsthalle Mulhouse / Emilie Vialet
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10. September 2025
Text: Annette Hoffmann

Déborder la rivière.
La Kunsthalle Mulhouse, 16, Rue de la Fonderie, Mulhouse.
Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 26. Oktober 2025.
kunsthallemulhouse.com

CEAAC, Strasbourg. Bis 7. September 2025.
ceaac.org

CRAC, Altkirch.
Bis 21. September 2025.
cracalsace.com

Deborder la riviere
Mariana Murcia, When looking at us from the side, 2025, Videostill, © Mariana Murcia
Deborder la riviere
Tanja Engelberts, We exhale, 2023, Videostill, © Tanja Engelberts, Courtesy Galerie Caroline O’Breen

„Wer kann dich für sich beanspruchen?“, „was kannst du von dem Ort erzählen, von dem du kommst?“, „wie viele Trockenzeiten hast du erlebt?“. James Webbs Fragen an den Rhein gehen mit dem Fluss. Seit Neuseeland 2017 dem Whanganui River Rechte verlieh, hat sich der Blick auf die Gewässer verändert. Wer erhebt für den Fluss die Stimme? Die Fragen sind in Webbs Video „A Series of Personal Questions Addressed to the River Rhine“ auf Ansichten des Flusses eingeblendet. Sie zeigen mal ruhige Wasserflächen, auf deren Grund man schauen kann und in denen sich gleichzeitig die Bäume am Ufer spiegeln, mal den Strom, der unaufhaltsam Richtung Meer fließt. Die Ausstellung in der Kunsthalle Mulhouse „Déborder la rivière“ versucht sich anhand der Werke von gut zehn Kunstschaffenden an einem Denken, das überbordend ist, sich staut, fließt und mäandert. Auf dem Weg in den Rhein verbindet die Ill das Elsass und so haben sich mit dem CRAC Altkirch und dem CEAC Strasbourg noch weitere Kunstinstitutionen an dem Ausstellungsprojekt beteiligt, das sich als Kollaboration mit dem Fluss versteht. In Strasbourg folgt das Duo Y weniger dem Verlauf der Ill, sondern eher einer Topografie elsässischer Quellen und Kraftorte. Nicht zufällig haben die beiden baskischen Künstlerinnen Julie Laymond und Ilazki de Portuondo eine Edition von Wünschelruten aus Metall und Keramik produzieren lassen. Sie haben einer okkulten Geschichte entlang von Votivgaben, artifiziellen Palmwedeln und spirituellem Bric-à-Brac Bahn geschlagen.

Doch auch Carolina Caycedos Video „Reciprocal Sacrifice“ führt in Mulhouse erst einmal weg von der Ill, zeigt aber, dass sobald die Rechte der Natur verteidigt werden, meist indigene Vorstellungen einbezogen werden. Der Snake River in den USA leitet die Lachse zu ihren Laichgründen. Der Bau von Staudämmen, die Industrie und Klimaerwärmung haben ihren Bestand reduziert. Mit ihrem dramatischen Rückgang droht nicht nur das Aussterben der Art, sondern auch der Verlust der Lebensgrundlage des Nez Perce-Stammes und seiner Kultur, die eng mit dem Fischfang und der Lachswanderung verbunden ist. Für ihr Projekt Aencrage hat sich das Kollektiv Encastrable, bestehend aus Antoine Lejolivet und Paul Souviron, auf das Leben an der Ill eingelassen. Entdeckt haben sie nicht nur Natur, sondern auch einen Kulturraum. Die Ill ist Rückzugsraum der Bewohnerinnen und Bewohner der Region, aber auch eng mit der elsässischen Wirtschaftsgeschichte verbunden. Ohne ihr Wasser hätte es keine Textilindustrie gegeben. Im Wappen, das Lejolivet und Souviron für ihr Projekt Aencrage entworfen haben, befindet sich in zwei Feldern der Ill-Schriftzug und eine Wurzel des Färberkrapps. Hier die Pflanze, die sich im Boden verankert, dort der Fluss, dessen Wasser nicht zu halten ist. Eine Forke mit drei Zinken, wie man sie für den Krappanbau braucht und ein Wasserrad vervollständigen das Wappen. In Mulhouse wurde Krapp für das Färben von Stoffen angebaut. Auf einer der Reproduktionen ihrer Installation, die Bleichwiesen und Gestänge zum Trocknen von Wollsträngen zeigen, erkennt man das satte Krapprot. Auch die Bade- und Freizeitkleidung, die Encastrable nähen ließ und die an einem Display aus Schwemmholz hängt, trägt dieses Rot.

In der Wandarbeit der Mulhouser Künstlerin Angéline Dubois zeigt sich nicht allein die enge Beziehung zwischen Fluss und Stadt, sondern auch das Paradox, dass der Fluss wie die Zeit gleichzeitig an- und abwesend ist. Denn schauen wir auf einen Flussabschnitt ist er da und immer schon fort. Dubois hat dem Ton, den sie für ihre Wandarbeit nutzt, Sand der Ill zugefügt. Sie hat die verschiedenen Elemente des Flusses wie Wasser, Sand, Insekten oder Baumrinde in vier verschieden geformte Tonplaketten übersetzt und diese wie ein Schaubild zu einem ausufernden Fluss zusammengesetzt und eine Einheit aus Vielem gebildet.