Die stille Revolte der Dinge – Werke aus der Schenkung Schröder

Ausstellungsansicht im Kunstmuseum Bremerhaven, 2025, mit Arbeiten von Yngve Holen, Courtesy the artist & Kunstmuseum Bremerhaven, Foto: Fred Dott 
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24. Juli 2025
Text: Radek Krolczyk

Die stille Revolte der Dinge. Werke aus der Schenkung Schröder.

Kunstmuseum Bremerhaven, Karlsburg 1 und 4, Bremerhaven.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 29. März 2026.

www.kunsthalle-museum-bremerhaven.de

Kitty Kraus, Untitled, 2013, Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin, Foto: Fred Dott 
Daniel Pflumm, Untitled (Raiffeisen), 1999, Ausstellungsansicht im Kunstmuseum Bremerhaven, 2025, Courtesy the artist & Kunstmuseum Bremerhaven, Foto: Fred Dott 
Ausstellungsansicht im Kunstmuseum Bremerhaven, 2025, mit einer Arbeit von Juliette Blightman, Courtesy the artist & Kunstmuseum Bremerhaven, Foto: Fred Dott 

[—artline>Nord] Dass man den Dingen eine Revolte zutraut, eine stille Revolte, meinetwegen, dass man den Dingen überhaupt etwas zutraut, gerade den Kunstdingen – das ist beachtlich. Das Kunstmuseum Bremerhaven tut dies nicht nur im Titel seiner aktuellen Ausstellung, die es aus Werken der Schenkung des Sammlers Alexander Schröder zusammengestellt hat.

Dieses Vertrauen in das Ding, das künstlerische Ding, zeigt sich an jeder Stelle. Alle ausgestellten Dinge, oder eben Werke, haben reichlich Raum um sich herum. Manche füllen gar einen ganzen eigenen Raum. Nicht ihrer physischen Ausdehnung nach, aber in ihrer Wirkung. Nur beispielhaft im ersten, großen Saal: frontal hängt eine etwa lebensgroße, hölzerne Figur. Sie erinnert vielleicht an eine Sonne, einen Stern, eine Schneeflocke oder eine Blüte. An den anderen Wänden befinden sich durchsichtige Röhren aus Plexiglas, an denen bunte Turnschuhe baumeln. Dass all diese rätselhaften Dinge aktuelle Werke des Künstlers Yngve Holen (1982) sind, erfährt man nur, wenn man sich Mühe gibt, die beinahe unsichtbare Wandbeschriftung ausfindig zu machen. Für ein solches erstes In-Augenschein-Nehmen mag es ganz egal sein, wer hier der oder die Urheber:in ist. Ein künstlerisches Ding, das gut gemacht ist, wirkt in einem weißen Raum auch ohne die Offenbarung seiner Urheberschaft. Die künstlerischen Dinge, von denen hier die Rede ist, sind gut gemachte künstlerische Dinge, indem sie, im Fall der Sonne in den Raum strahlen, im Fall der Turnschuhe rätselhaft und lustig sind. Tatsächlich ist es dann enttäuschend zu lesen, die Sonne hieße „Rose Painting“ und bezöge sich auf Radspeichen eines SUV, und die Turnschuh-Assemblagen hätten Titel, die sich auf Internet-Codes beziehen („41cU77UV“). Sich auf jene Eigenschaften des künstlerischen Dinges einzulassen, auf seine Rätsel, seine Besonderheiten, ja seine Aura, ist selten. Es kommt auf den Kontakt zwischen dem Ding und dem oder der Betrachter:in an. Möglicherweise ist das die Stelle, an der beide am verletzlichsten sind.

Schaut man sich die Light Box der Bildhauerin Kitty Kraus (1976) an, die in einem abgedunkelten Raum der zweiten Etage aufgestellt wurde, wird diese beidseitige Verletzlichkeit deutlich. Schließlich ist man allein mit einem weißen Sockel, dessen obere Kante leuchtet. Das Ding sagt veilleicht: Ich bin leer und strahle nur, stell dir etwas vor! Und dann lassen wir uns ein und stellen uns etwas vor, was auf dem Sockel stehen könnte, oder welche Macht von diesem Leuchten ausgehen mag. Nichts ist pathetischer als Licht, und entsprechend hoch ist die Fallhöhe. Die Verletzbarkeit rührt daher, dass man sich auf die eigene Wahrnehmung verlassen und das das Ding dieser Wahrnehmung standhalten muss. Es gibt auch solche Dinge, die direkt bedrohlich wirken, die Durchlauffalle von Andreas Slominski (1959) etwa. Man weiß, dass diese hölzere Röhre mit den Metallklappen kleine Tiere fangen und um ihre Freiheit bringen soll, nur wie genau (und ob) sie funktioniert, das muss man erst noch herausfinden.

Ein Ding ist im Gegensatz zu einem selbst ein Etwas anstelle eines Jemand. Tatsächlich findet man in der Ausstellung nur wenige Abbilder von solchen Jemanden, wie man selber einer ist. Eine Kreuzung gewissermaßen ist Juliette Blightmans (1980) Arrangement aus Stuhl und Spiegel mit dem Titel „mirrors would do well to reflect more before sending back images“. Der Titel ist gleichermaßen eine Aufforderung an das Ding, wie auch an die sich spiegelnde Person. Diese Bildkritik-Maschine jedenfalls macht es möglich, endlich einem Jemand in dieser Ausstellung zu begegnen, der oder die man schließlich selber ist. Man kann nun prüfen, ob das Bild, das man in den Spiegel gibt, richtig wiedergegeben wird oder ob das Selbstbild stimmt. Vor Stephan Dillemuths (1954) lebensechtem wivi-hobo, der mit 1990er-Jahre-Kleidung und Notebook in einer Ecke der zweiten Etage sitzt, kann man sich erschrecken, als wäre er nicht aus allerlei etwas, sondern tatsächlich jemand, so wie man selbst.