Whispers from Tides and Forests: Wem gehört die Umwelt

Whispers
Surma, hollow of an empty womb, gasp, decrepit, echoes, roots of coexistence, sempiternity, shared threads, alle 2025, Courtesy the artist, Kunsthaus Baselland, 2025, Foto: Gina Folly
Review > Basel > Kunsthaus Baselland
7. Juli 2025
Text: Annette Hoffmann

Whispers from Tides and Forests.
Kunsthaus Baselland, Helsinki-Str. 5, Basel-Münchenstein.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 17. August 2025.
www.kunsthausbaselland.ch

Whispers
Abi Palmer, Abi Palmer Invents the Weather, 2023, Video still, © Abi Palmer, Courtesy the artist, Kunsthaus Baselland, 2025, Foto: Gina Folly
Whispers
Nohemí Pérez, Bosque No. 1, 2021, Bosque No. 5, 2021, Bosque No. 3, 2021, Courtesy the artist and Galería Elba Benítez, Courtesy the artist, Kunsthaus Baselland, 2025, Foto: Gina Folly

Abi Palmers Experimentierkasten ist nicht eben steril. Er besteht aus Karton, hat Öffnungen, durch die ihre beiden Katzen Cha-U-Kao und Lola Lola sich hineinzwängen können. Die Kiste hat alles, was die Tiere zum Spielen anregt, vor allem Wetter. Während der Pandemie simulierte Palmer (*1989) in der Box die vier Jahreszeiten, indem sie es regnen (Herbst) oder die Sonne scheinen ließ (Sommer). Dafür gab Palmer, die eine Autoimmunerkrankung hat, ihre selbst auferlegte Isolation auf und ging in den Wald, kam mit Blättern, Moos und Flechten nach Hause zurück und setzte einen Sud auf, den sie durch ein Tuch abseihte. Die Regentropfen kommen also nicht aus dem Wasserhahn, sondern haben in nuce einen Zyklus durchlaufen. Es ist ein bisschen als öffnete sich für die Katzen eine Tür nach draußen. Alles ist mit allem verbunden, ist die Künstlerin überzeugt und dass auch unsere Körper jahreszeitliche Veränderungen erleben.

In „Whispers from Tides and Forests“ flüstert es also nicht zuletzt vom Mikro- und Makrokosmos und ganz so leise sind die Erzählungen auch nicht immer. Das Kunsthaus Baselland nimmt mit der Gruppenschau die Impulse seiner ersten Ausstellung im neuen Gebäude auf und vertieft die Suche nach Ansätzen zur Überwindung der aktuellen multiplen Krisen in der Naturhaftigkeit des Menschen. Daher ist es wohl kein Zufall, dass bis auf Naufus Ramirez-Figueroa (*1978) die anderen zehn Kunstschaffenden der Ausstellung weiblich sind. Frauen scheint man immer noch eine größere Nähe zur Natur zusprechen zu wollen, auch wenn dies ein bisschen raunend und eskapistisch wirkt. Ana Silva (*1979) etwa greift Probleme wie den Zugang zum Wasser auf. Auf einer Gaze sieht man zwei Kinder, das Größere hilft dem anderen beim Trinken aus einem Wasserkanister. Die gestickten Frauenfiguren ihrer Serie „Guardias“ wirken wie die Personifikationen der Natur, eine von ihnen trägt anstelle eines Kopfes Zweige. Ramirez-Figueroa berührt in seiner Performance „Mimesis of Mimesis“ den Komplex des Kolonialismus. Das Video wurde im Königlichen Tropeninstitut in Amsterdam aufgenommen. Vor einem Kamin sieht man den guatemaltekischen Künstler auf ausgeweideten Sofas lagern. Sein nackter Körper wird durch einen Bindfaden, auf den Polsterknöpfe aufgezogen sind, eingeschnürt. Wirtschaftliche Ausbeutung basiert auf der Unterdrückung realer Körper, scheint diese Arbeit – wenn auch etwas plakativ – vermitteln zu wollen. In einem anderen Video kann man die Vielfalt von Pilzen bewundern, Liu Yujia (*1981) schloss sich im Changbai Gebirge Ginseng-Sammlern an und fand Pilze. Man muss dabei unweigerlich an Anna Lowenhaupt Tsings Buch „Der Pilz am Ende der Welt“ denken. Doch während Tsing eigentlich Wirtschaftssysteme und soziale Gemeinschaften untersucht, steht bei Yuija letztlich die Faszination für die verschiedensten Formen von Pilzen und das Ökosystem Wald im Mittelpunkt.

Wie sehr dieses gefährdet ist, zeigt sich in den großformatigen Kohlezeichnungen auf Leinwand von Nohemi Pérez (*1964), die sich in ihren Arbeiten oft auf die Region Catatumbo zwischen Kolumbien und Venezuela bezieht. Es ist ein Grenzgebiet, in dem Drogen produziert und gehandelt werden. Wirtschaftliche und politische Interessen überschneiden sich, es kommt immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen. Die von Pérez verwendete Kohle spielt auf den Abbau von Rohstoffen, aber auch auf Brandrodungen an. Ihre Urwälder sind versehrt, vereinzelt sieht man farbige, gestickte Tiere, eine Eule, ein Nasenbär, eine blau geringelte Schlange, ein Fuchs. Sie sind allesamt tot, verbrannt oder Opfer der Verdrängung, insofern ihr Lebensraum immer kleiner wird. Eine große Stärke dieser Ausstellung liegt in der Erzählkraft der Arbeiten. Johanna Calle (*1965) verwendet für ihre Zeichnungen alte Notariatspapiere, die Besitztümer dokumentieren, mit einer Schreibmaschine tippt sie über die Kolumnen Texte in Form von Bäumen, die sich mit Eigentum befassen. Sie sind Teil eines Grundbesitzes, aber kann man einen Baum denn wirklich sein Eigen nennen?