Tobias Spichtig, Everything No One Ever Wanted: Black Metal Gewitter in Ghostland

Tobias Spichtig, Everything No One Ever Wanted, Kunsthalle Basel, 2024, Ausstellungsansicht, Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
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23. Februar 2024
Text: Dietrich Roeschmann

Tobias Spichtig: : Everything No One Ever Wanted.

Kunsthalle Basel, Steinenberg 7, Basel.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis 20.30 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 28. April 2024.

www.kunsthallebasel.ch

Tobias Spichtig, Everything No One Ever Wanted, Kunsthalle Basel, 2024, Ausstellungsansicht, Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Tobias Spichtig, Everything No One Ever Wanted, Kunsthalle Basel, 2024, Ausstellungsansicht, Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Tobias Spichtig, Everything No One Ever Wanted, Kunsthalle Basel, 2024, Ausstellungsansicht, Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Tobias Spichtig, Nude (Psyche), 2024, Foto: Philipp Hänger, Courtesy the artist, Jan Kaps, Köln & Meredith Rosen Gallery, New York

„Everything No One Ever Wanted“ – die Buchstaben, mit denen Tobias Spichtig (* 1982) dieses zweifelhafte Versprechen auf Plakate gekritzelt hat, die derzeit in den Straßen von Basel hängen, wirken, als habe er versucht, unter Elektroschockstößen einigermaßen kontrolliert einen Satz zu Papier zu bringen. Wer weiß: Vielleicht war es ja der erste Satz, der ihm in den Sinn kam, nachdem ein besessener Wissenschaftler ihn ins Leben geholt hatte, als experimentelle Malerkreatur, den Bewegungsapparat programmiert auf die klassischen Bildgattungen Porträt, Landschaft, Stillleben, das Hirn auf die Logik des Wiedergängers, der erst dann ruht, wenn sein Mörder zur Strecke gebracht ist.

Tobias Spichtig hat viel übrig für die Theatralik von Horrorfilmen, und zwar am liebsten aus der Perspektive der Untoten. Für seine Soloschau in der Kunsthalle Basel hat der in Berlin lebende Künstler rund 30 Bilder mitgebracht, kantig im Gestus, mit zurückgenommener Farbigkeit, die Textur matt und trocken als hätten sie lange auf staubigen Dachböden gelagert, Seite an Seite mit dem Bildnis des Dorian Gray. Darunter gibt es ein paar reduzierte Berglandschaften. Als schlanke, spitze Dreiecke, mit kreidigem Strich in Blau und Violett auf schwarzen Grund gebracht, tauchen sie immer wieder auf, mischen sich unter die anderen Bilder, geben den Rhythmus vor und den Grundton der Dämmerung einer abstrakt alpinen Welt, wie am frühen Abend, wenn die Sonne lange Schatten wirft, das Licht im Tal verblaut und sich die Gipfel am Horizont abzeichnen wie die Silhouetten von Kapuzenmännern. „Eiger, Mönch und Jungfrau“ heißt eines dieser Bilder. Es erzählt viel über Spichtigs Humor, dass er ausgerechnet für dieses mächtige Dreigestirn der Schweizer Alpen das mit Abstand kleinste Format in der Ausstellung gewählt hat.

Auch seine Porträts treten der Idee, eine wenigstens grobe Ähnlichkeit zwischen Gegenstand und Abbild herzustellen, auf entschiedene Weise entgegen. Als Vorlagen dienen ihm meist Fotos, nur selten lässt er befreundete Künstler:innen in seinem Studio Modell stehen, den Designer Rick Owens, Musiker:innen wie Izzy Spears, Eartheater oder Blackhaine. Doch sobald Spichtig den Pinsel zur Hand nimmt, verwandeln sie sich auf der Leinwand in blutleere, radikal entindividuialisierte Söldner einer Armee von Zombies mit markanten Wangenknochen und schwarzen Augenhöhlen. Spichtigs Blick ist vergleichbar mit einem Instagram-Filter, der aus vorhandenen Eingabedaten nur eine bestimmte Teilmenge verwendet. Alle Personen auf seinen Bildern wirken wie Rockstars, superlang und superdünn, Wiedergänger des Heroin Chic und des Grunge Looks Anfang der 1990er Jahre, die ihrerseits Velvet Underground und Warhols Factory als Vorbilder hatten. Sie sehen aus wie Iggy Pop, die junge Uma Thurman oder Kate Moss, doch das Ungelenke, Spitzknochige ihrer Körper erinnert zugleich an die von Angst und Peinlichkeit gezeichneten Figuren von Munch und Kirchner bis zu Anna Haifischs „The Artist“.

Wiedergänger und Vampire, so die Legende, ernähren sich von den Lebenden. Spichtig hat daraus seine eigene Theorie entwickelt. „Vielleicht ist die Malerei ein Vampir“, sagt er. „Sie ist unendlich peinlich. Sowohl der Akt des Malens als auch die Gemälde selbst.“ In früheren Ausstellungen versteckte er seine Bilder deshalb hinter Gerümpel oder machte sie in Installationen zu bloßen Statis­ten. Auch in Basel stehen sie nicht für sich, sondern werden begleitet von breit flirrernden Tremolosounds des New Yorker Black-Metal-Gitarristen Mick Barr – wie zur Bestätigung von Spichtigs eigenem Anspruch: „Ein gutes Gemälde ist, als würde ein Star ständig live singen – immer so gut wie die besten Momente eines Konzerts, immer in einem Zustand vor dem Durchbruch“.

Einen guten Blick auf diese Malerei-Klang-Landschaft hat man von einer Bühne aus, die nahezu den gesamten Saal füllt. Mit dem anschwellenden Gitarrensound im Ohr kann man hier das Gefühl haben, als stünde man selbst vor Publikum, das einen unverwandt von den Leinwänden anstarrt, flankiert von Skulpturen aus in Nickel getauchten Second-Hand-Klamotten, die als körperlose Hüllen auf dem Boden hocken und auf geisterhafte Weise die Abwesenheit ihrer einstigen Träger:innen repräsentieren. Pate stand hier laut Spichitg Antonio Canovas berühmte Skulptur „Kuss des Amors“ von 1787, der Psyche wiederbelebte. So eng gehen Kunstgeschichte, Mode, Pop und Horror selten Hand in Hand.