Long Gone, Still Here – Sound as a Medium: Bilder für die Ohren

Michaela Melián, Movement, 2020, Courtesy the artist, © Michaela Melián, VG Bild-Kunst, Bonn 2023, Foto: Besim Mazhiqi
Review > Herford > Marta
4. Januar 2024
Text: Jens Bülskämper

Lone Gone, Still Here. Sound as a Medium.
Marta Herford,
Goebenstr. 2. Herford.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 25. Februar 2024.

www.marta-herford.de

Michaela Melián, Cochlea, 2023, Hörskulptur aus vier Lautsprechern, verbaut in 3D-Druck Muschhorngehäuse aus Kunststoff, Courtesy the artist, © Michaela Melián, VG Bild-Kunst, Bonn 2023, Foto: Besim Mazhiqi
Janet Cardiff & George Bures Miller, Kathmandu Dreams (#6), 2007, Courtesy Sammlung Goetz, München, © Marta Herford, Foto: Besim Mazhiqi
Hiwa K, The Bell, 2015, Ausstellungsansicht KOW 2021, Courtesy the artist & KOW, Berlin, Foto: Ladislav Zajac
Jeremy Deller und Nick Abrahams, Our Hobby is Depeche Mode, 2006, Masha at St Petersburg airport, Courtesy the artist & The Modern Institute/Toby Webster Ltd, Glasgow, Foto: Jeremy Deller

[— artline Nord] In den erfindungsreichen 1960er Jahren erfand die zeitgenössische Kunst nicht nur sich selbst, sondern die Konzeptkunst gleich mit. Seit jenem „conceptual turn“, der das Künstlerische vom Medium löste und ins Reich der Ideen verschob, ist die Kunst auf Beutezug – stets wird sich Neues mit Freuden einverleibt. Klar, dass sie auch den Klang als auditiv-imaginative Bildquelle für sich entdeckte. Ein Medley zeitgenössischer Stimmen von Sung Tieu bis Olaf Nicolai lässt nun das Marta Herford mit „Sound as Medium“ erklingen.

Schon der Gehry-Bau selbst wirkt wie ein idealer Resonanzraum: Die tanzende Architektur des Museums scheint, zu was für einem Rhythmus auch immer, gemütlich zu grooven. Und tatsächlich entfleuchen den Mauern schon draußen sanfte Klänge: Etüden des Warmspielens für eine Beethoven-Symphonie empfangen das Publikum, das uneigentliche Warm-up vor einem Konzert macht Jeremy Deller hier zum eigentlichen Werk. Man vernimmt probeweises Gefiedel, Musiker stimmen sich und ihre Geige aufs Konzert ein; Markus Lüpertz’ „Philosophin“, Dauergast am Hauteingang des Marta, nimmt’s einigermaßen unbeeindruckt.

Drinnen gibt sich der riesige Hauptsaal des Museums als Wohnzimmer: Flauschige Auslegeware, eine Handvoll Sitzgelegenheiten und edle Boxentürme – so wohnt es sich wohl bei High-Fidelity-Puristen. Machen Sie’s zu Ihrem Wohnzimmer, machen Sie’s so – optionales Rezeptions-Tutorial: Etwa in der Mitte des Raumes steht ein kreisrundes Sofa. Lassen Sie sich, am besten werktags, wenn’s nicht so voll ist, buchstäblich darauf fallen, zurückfallen in die Waagerechte. Über Ihren Augen wogt die Architektur zusammen wie im Innern eines gigantischen Sahne-Baiser-Törtchens. Darüber ein paar Verstrebungen und der graue Himmel Herfords. Egal. Sie schließen die Augen. Dann sind Sie ganz Ohr für eine Playlist, die Soundarbeiten etwa von Susan Philipsz über Lydia Ourahmane bis Michaela Melián zu Gehör bringt. Das ist wahrlich keine Schlager-Party und soll es natürlich auch nicht sein. Und ja, es klingt manchmal genauso kryptisch wie wir es von Kunst gewohnt sind. Muss das sein? Ja, das muss so sein – nur weil es hier eben nicht heißt „Er-hat-ein-knallrotes-Gummiboot“ kann es auch eine Sie, eine ganz andere Farbe oder eben gar kein Gummiboot sein. Wollen wir uns also nicht beschweren. Muss man das dann gleich toll finden? Muss man nicht, darf man aber: Mit Adrian Piper etwa geht’s zurück in die einflussreichen 1960er Jahre. Da entwickelte sie die Jetzt-Serie: 20 Minuten lang beschwört Piper buchstäblich das (Wörtchen) „Jetzt“: „Now – now – now“! – Na und? Wer hier bloß mit den Schultern zucken mag, hat womöglich mehr Freude an Hannah Weinberger, die sich an ikonischen Popsongs versucht und ganz verträumt und elegisch etwa „Imagine“ von John Lennon intoniert.

Wem das vom Pop-Glück der Chart-Hits aber immer noch zu weit weg ist, der kann auch wieder aufstehen und sich zu einem Highlight der Sound-Schau begeben, nämlich Jeremy Dellers Videoarbeit „Our Hobby is Depeche Mode“ von 2006. „Hobby“ ist hier purer Euphemismus: Deller hat glühende Fans der britischen Band Depeche Mode in aller Welt besucht. Die Begeisterung für den epochalen Beat der Synthie-Popper um Dave Gahan entlädt sich in intensiver „Fan-Art“, etwa in Comicstrip-Skizzenbüchern, in denen ein buntes Leben mit den verehrten Musikern imaginiert wird – und deren Zeichnungen Deller auf den Museumswänden groß macht. Jene Videodokumentation lässt laut auflachen und rührt zu Tränen – und zeigt die ungeheure Kraft, die Kultur entwickeln kann. Warum er die Musik von Depeche Mode so feiere, wird ein Teenager in einem Videoschnipsel aus den 1990er Jahren gefragt. „Weil sie aus dem Leben kommt“, antwortet jener unvermittelt. Das sei allen Künstlern der Ausstellung hinter die Ohren geschrieben, deren Arbeit sich in anämischer Konzeptualität bisweilen eine entscheidende Runde zu sehr um sich selbst dreht.