Renée Green: Inevitable Distances. Die Welt durch das Kaleidoskop sehen

Renée Green
Renée Green, Übertragen/Transfer, 1997, Courtesy Museum Ludwig, Köln, Foto: Flavio Karrer
Review > Zürich > Migros Museum für Gegenwartskunst
26. Dezember 2022
Text: Dietrich Roeschmann

Renée Green: Inevitable Distances.

Migros Museum für Gegenwartskunst, Limmatstr. 270, Zürich.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 8. Januar 2023.

www.migrosmuseum.ch

Zur Ausstelllung ist eine Publikation erschienen:
Hatje Cantz, Berlin 2022, 256 S., 44 Euro | ca. 59.90 Franken.

Renée Green
Renée Green, Idyll Pursuits, 1991, Courtesy Kunststiftung Ingvild und Stephan Goetz, Foto: Flavio Karrer
Renée Green
Renée Green, Import/Export Funk Office, 1992-1993, Courtesy The Museum of Contemporary Art, Los Angeles, Foto: Flavio Karrer
Renée Green, Import/Export Funk Office, 1992-1993, Detail, Courtesy The Museum of Contemporary Art, Los Angeles, Foto: Flavio Karrer

Auf dem kargen Betonboden im Migros Museum für Gegenwartskunst treiben im Kreis wie kleine Flösse ein paar alte Landschaftsansichten auf Holz um einen regalartigen Turm. Darauf hat Renée Green einen Wimpel gesteckt: „El Dorado“. Tatsächlich stammen die Stiche und Gemälde von Reisenden aus dem 19. Jahrhundert in Venezuela, die auf Expeditionen das sagenhafte Goldland im nördlichen Südamerika erkundeten. Die meisten kamen aus Nordamerika und Europa. Was sie sahen – und was sie sehen wollten – war geprägt von den exotischen Vorstellungen dieser Landschaft, die sie mitbrachten, und von einem deutlichen Hang zum Abenteuer. Über diesem Setting hängt eine Bergfotografie von Ansel Adams in der strengen Schwarz-Weiß-Ästhetik, mit der er die US-Nationalparks in den 1930ern fotografisch vermessen und so gewissermaßen für das kollektive Selbstbild der USA fixiert hatte. Es ist nicht ohne Ironie, dass die afroamerikanische Künstlerin Renée Green in ihrer Installation „Idyll Pursuits“ (1991) ein Fernrohr auf Adams ikonische Fotografie richtet, das sich aus der Nähe als Kaleidoskop erweist. Es gibt eben nicht die eine Sicht der Welt.

So gesehen ist das Kaleidoskop auch grundsätzlich kein schlechtes Bild für diese umfassende Retrospektive Renée Greens, die nach einer ersten Station in den KW Institute for Contemporary Art in Berlin jetzt nahezu alle Räumlichkeiten im Migros Museum bespielt. Was auffällt: Greens Blick ist nie direkt fokussiert und nie unbeirrbar. Im Gegenteil: Was sie interessiert, ist, wie sich die Dinge neu sortieren, ausdifferenzieren und entidentifizieren, wenn man sie aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Seit den 1980er Jahren arbeitet sie deshalb gerne in Serien, setzte sich in Gegenüberstellungen wie in „Metonymies“ (1984) mit den Spuren der gewaltvollen Geschichte in der Gegenwart Mexikos auseinander, wo sie sich zu einem Stipendium aufhielt, oder splittete für ihr Wandbild „Code Survey“ (2005) am Gebäude der Verkehrsbehörde Caltrans in Los Angeles das für gewöhnlich eher strahlende Selbstbild Kaliforniens in eine vielteilige Erzählung aus rund 180 von unterschiedlichsten Erfahrungen geprägten Sichtweisen auf den idealisierten „Sonnenstaat“ auf.

1959 in Cleveland, Ohio, geboren, gehört Green zu den Verfechter:innen einer Theorie des Hybriden, die wie Black-Atlantic-Forscher Paul Gilroy oder Edouard Glissant mit seinem Begriff der Kreolisierung den Glauben an eine Reinheit von Kultur ablehnt. Stattdessen richtet sie ihr Augenmerk auf das, was kulturelle Produktion bedingt, auf Strategien der Macht, die ihre Sprache und ihr Wissen prägen. Zentral ist für Green die intensive Auseinandersetzung mit dem Ort und der Geschichte und Gegenwart der Institution, mit der sie sich und ihre Arbeiten in ein Verhältnis setzt. Mit der raumgreifenden Installation „Sites of Genealogy“ etwa rekonstruiert sie in Zürich eine Installation, die sie 1990 während eines Arbeitsaufenthalts am New Yorker P.S.1 als in den Raum gefaltetes Tagebuch unter dem Eindruck der Lektüren von Harriet Jacobs’ „Incidents in the Life of a Slave Girl“ und Richard Wrights „Native Son“ realisiert hatte. In den bühnenartigen Settings verschränken sich persönliche, fiktionale und historische Biografien zu einer komplexen räumlichen Erzählung über die Erfahrungen Schwarzer Menschen in der Black Diaspora. Im Obergeschoss wird diese Erzählung flankiert von mehreren Dutzend von der Decke hängenden Fahnen mit Versen der US-Dichterin Laura Rinding Jackson, die die fließende Veränderung von Sprache thematisieren und damit nicht zuletzt die Stichhaltigkeit essenzialistischer Konzepte von Identität hinterfragen.

Die Bewegung des Fließens steht auch im Zentrum der Installation „Import / Export Funk Office“. In einer Art Archiv versammelt Green hier Hunderte von Büchern, Zeitschriften, Soundfiles und Video-Interviews über die Geschichte und Rezeption des Hiphop in den USA und in Deutschland. 1992 erstmals ausgestellt, erscheint die Arbeit mit ihrem differenzierten Blick auf die Ambivalenz kultureller Aneignung heute geradezu visionär.