Daniel Turner, Three Sites: Spurenelemente der Erinnerung

Daniel Turner
Daniel Turner, (BASF K410) Radiator Bar, (Novartis WKL135), Radiator Bar, (Holdenweid) Radiator Bar, 2022, Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2022, Foto: Daniel Turner / Kunsthalle Basel
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18. November 2022
Text: Dietrich Roeschmann

Daniel Turner: Three Sites.
Kunsthalle Basel, Steinenberg 7, Basel.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.30 Uhr.
www.kunsthallebasel.ch.
Bis 8. Januar 2023.

Daniel Turner
Daniel Turner, BASF / Novartis / Holdenweid, 2022, Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2022, Foto: Daniel Turner / Kunsthalle Basel
Daniel Turner
Daniel Turner, Daniel Turner, NOUN 30:30, 2022, Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2022, Foto: Daniel Turner / Kunsthalle Basel
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Daniel Turner, (Holdenweid) Burnish 4, (Holdenweid) Burnish 2, 2022, Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2022, Foto: Daniel Turner / Kunsthalle Basel

Daniel Turner (*1983) hat ein Faible für Strenge, in der Kunsthalle Basel lässt er sein Publikum schon im ersten Saal darüber stolpern. Im Abstand von gut fünf Metern hat der New Yorker hier drei massive Metallbarren auf dem Parkett platziert, mit sauber geschnittenen Kanten, akkurat gebürsteter Oberfläche, schön dem Rhythmus der Oberlichter folgend, die den Raum strukturieren. Fast wirkt dieses Setting wie eine Parodie auf die Heldenposen der Minimal Art, so überzogen reduziert und supergenau kommt es daher, so pathetisch in seiner Serialität und in seinem pompösen Understatement. Aber natürlich ist Turner kein Minimalist. Eher ein Postminimalist, dem Punk so nahe wie der Konzeptkunst. Er pflegt ein emphatisches Verhältnis zur Arbeit am Material, die Kunst erfordert, mit allem, was dazu gehört: Energie, Dreck, Muskelkraft. Und auch Geschichte.

So stammt der Stahl, aus dem Turner die Barren für die Kunsthalle gegossen hat, aus drei Gebäuden in Basel, in denen er im vergangenen Jahr den Spuren der Chemie- und Pharmaindustrie in der Stadt folgte und dabei auch die Psychiatrie – als Feld der Anwendung – nicht vergaß. Die Bauten standen leer, als Turner sie aufsuchte: eine Industriehalle in Kleinbasel, die nacheinander Ciba Geigy, BASF und Swiss Life gehörte, ein 17-stöckiges Büro- und Laborhochhaus der Novartis und das einstige Hofgut Holdenweid, ehemals Außenstelle der Basler Psychiatrie. In jedem Gebäude montierte er eine bestimmte Menge an Heizkörpern ab und schmolz sie zu identischen Barren ein, überzeugt davon, dass im Material dieser verwechselbaren Objekte das je unverwechselbare Gedächtnis an den spezifischen Ort ihrer Demontage versenkt sei. An die Gespräche der Forschenden etwa; an die Leiden der Tiere bei Lebendversuchen, die möglicherweise in den Laboren stattgefunden haben; an die Körper der Patienten, die sich im Winter an den Radiatoren wärmten, selbstvergessen dank wohl dosierter Medikation. Dass das ein bisschen an den Romantischen Konzeptualismus der Nullerjahre erinnert, als Kunstschaffende komplexe Fragestellungen und große Erzählungen in eine oft beiläufige Form brachten, die dann, wenn man die jeweilige Geschichte kannte, plötzlich zu funkeln begann wie ein Juwel, ist kein Zufall. Daniel Turner ist in dieser Zeit sozialisiert. Schon mit der ersten Arbeit, die ihn bekannt machte, setzte er auf den großen Knall: 2007, mit gerade mal 23, verbrannte er alles, was er bis dahin als Künstler geschaffen hatte. Man konnte darin ein Fanal juveniler Zerstörungswut sehen – oder, wie Turner selbst, einen Akt der Transformation, gewissermaßen um hoch aufgeladene Asche zu produzieren.

Was diesen alchemistischen Ansatz so interessant macht, ist, dass Turner das Material vor allem von den immateriellen, ephemeren, flüchtigen Prozessen her denkt, denen es ausgesetzt ist. Klimaanlagen, Metallrohre, Schläuche, Laufzettel – nahezu alles, woraus seine Arbeiten in Basel bestehen, sind demontierte, mal roh belassene, mal geschredderte und weiterverarbeitete Fragmente aus einst geschlossenen Kreisläufen. Selbst die großformatigen Bilder im letzten Saal, über deren weißen Oberflächen dunkle Nebelschwaden wabern, sind Resultat einer solchen Verwandlung. Sie zeigen die Spuren von Stahlwolle, mit denen Turner seine mit Gesso grundierten Leinwände abrieb, recycelt aus den in feine Metallfasern zerschnittenen Heizöltanks aus dem Keller der Psychiatrie in Holdenweid.

Natürlich hätte Turner es dabei belassen können, hätte auf die Macht der Imagination vertrauen können. Doch er entschied sich dagegen und holte die Kamera als Zeugin dazu. Im Sekundentakt einer Uhr, die angeblich nach wie vor in einer der „Three Sites“ tickt, denen die Ausstellung ihren Titel verdankt, taumelt man in einem Saal so per Diashow durch die leeren Räume, aus denen das Material in der Kunsthalle stammt und die Turner bei seinem ersten Besuch in Schwarzweiß fotografierte. Die anfängliche Hektik des Handkamera-Blicks weicht bald der Ruhe einer Rückblende, und das Ticken der Uhr, das in allen Räumen zu hören ist, verbindet plötzlich die unterschiedlichen Aggregatzustände der einzelnen Orte und die Potenzen ihrer Geschichte über die Zeit hinweg.