Put on your Red Shoes (and Dance the Blues): Den Tanz des Lebens performen

Put on your red shoes Rachel Bühlmann
Regina Graber & Sivlie Xing Chen, Coocooning, 2020, Performancestill Tanzfragmente Olten, © Regina Graber & Sivlie Xing Chen
Review > Olten > Kunstmuseum Olten
4. Juli 2022
Text: Iris Kretzschmar

Put On Your Red Shoes (and Dance The Blues).
Kunstmuseum Olten, Kirchgasse 8, Olten.
Dienstag bis Freitag 12.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 21. August 2022.
www.kunstmuseumolten.ch

Put on your red shoes Saskia Edens
Saskia Edens, I wanna be your dog, 2014-2016, © Saskia Edens, Foto: David Aebi, Stadtgalerie, Bern
Put on your red shoes Saskia Edens Rahel Bühlmann
Rachel Bühlmann, Sadyho Niederberger, Lea Pelosi, what / do you see / me?, 2022, Installationsansicht im Kunst im Eck, Aarau, 2022, Foto: ©whatdoyouseeme

In seiner Sommerausstellung fordert das Kunstmuseum Olten das Publikum zum Hüftschwung im Innenraum und der Stadt auf. Der sprechende Titel geht auf den bekannten Song „Let’s Dance“ von David Bowie aus dem Jahr 1983 zurück. Das Thema sprengt schon lange die Gattungsgrenzen der bildenden Kunst und verbindet sich mit performativen und installativen Praktiken. Das verlangte nach einer Erweiterung des Teams. Kuratiert wird der Anlass von Dorothee Mesmer und Katja Herlach vom Kunstmuseum Olten zusammen mit Ursula Berger, der langjährigen Leiterin von „Tanz in Olten“ und Gastkuratorin Claudia Waldner, die sich bereits einen Namen mit Ausstellungen zum Thema gemacht hat.

Ein Panorama an verschiedenen Disziplinen und sozialen Bedeutungen zur Materie fächert sich im Foyer auf. Auf einer Tanzfläche wird das Publikum aufgefordert und darf seine Fussstellungen per Video aufzeichnen. Auch der Berner Aktionskünstler San Keller (*1971) verlangt seit 2004 die Teilnahme des Publikums an seiner „San Dance Company“ mit „Until The Last Dance“. Man verpflichtet sich beim zufälligen Erklingen eines definierten Popsongs einen Tanz dazu aufzuführen – öffentlich und im Privaten ‒ und erhält ein Zertifikat dafür.

Weniger freiwillig ist hingegen der „Veitstanz‘“, eine unheilbare Krankheit, die zu unkoordinierten Bewegungen der Muskeln führt. Der vor einem Jahr verstorbene Bildhauer Schang Hutter (1935-2021) stellt mit seiner gleichnamigen, fragilen Skulptur die Verletzlichkeit des Körpers aus. In den Fotografien und Interviews unter dem Titel „what/do you see/me?“, 2022, des Künstlerinnentrios Rachel Bühlmann (*1977), Sadyho Niederberger (*1962) und Lea Pelosi (*1971) präsentiert sich ein Zeitdokument an Selbstinszenierung des heutigen Partyvolks. Daneben ist die geheimnisvolle Videoinstallation „Two Guardians“ (2022) von Andy Storchenegger (*1977) zu sehen, der einen koreanischen Tänzer mit Spiegelmaske als Waldgeist zwischen Bäumen performen lässt.

Mit düsterem Humor geht es im ersten Obergeschoss weiter. Zu sehen ist ein tanzendes Hundeskelett „I Wanna Be Your Dog“ (2014) von Saskia Edens (*1975) und auf einem zweiten Screen ihre eindrückliche Arbeit „Make-up“ von 2008, wo sich eine Frau durch schwarze Schminke langsam in ein Skelett verwandelt. An die abgründigen Arbeiten einer jüngeren Generation schliessen die Federzeichnung eines Hexensabbats von Martin Disteli (1802-1844) und eine Radierung von Albert Welti (1962-1912) aus der Museumssammlung an.

Ein letztes Aufglimmen von Verlorenheit und Einsamkeit während der Pandemie zeigt das poetische Video „Nachts Nicht Tanzen“ (2020) von Rebekka Friedli (*1989) einer jungen Frau, die auf leergefegten, nächtlichen Strassen ganz allein und in sich versunken performt. Die Gemälde „Dancer I-VII“ (2018) von Andrea Muheim (*1968) zeigen Körper in extremen Positionen und rücken die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit ins Zentrum. Die Künstlerin Manon (*1940) ist mit einem Print aus der Reihe „Hotel Dolores“ (2008–2011) vor Ort. In einem abgetakelten Raum ohne Figuren erzählt ein festliches rotes Kleid von vergangener Sinnlichkeit, dem Rausch des Lebens. Dass Tanz mit Aufbruch und Ektase zu tun haben kann, zeigt sich in der vielseitigen Ausstellung auch im Obergeschoss. Der Holzschnitt des Expressionisten Albert Müller (1897–1926) „Tanz I, Tanzpaare unter Sternenhimmel“ von 1926 erinnert an sein Interesse für Ernst Ludwig Kirchner und die Zeit der Expressionisten in der Schweiz und Deutschland, als der befreite Körper zur Provokation des Bürgertums wurde. Was Tanz nicht alles bewegen kann!