Alex Ayed, Owls and Promises: Das Versprechen der Dinge auf Reisen

Alex Ayed
Alex Ayed, Owls and Promises, 2022, Ausstellungsansichten Kunstverein Freiburg, 2022, Foto: Marc Doradzillo
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4. Juli 2022
Text: Dietrich Roeschmann

Alex Ayed: Owls and Promises.
Kunstverein Freiburg, Dreisamstr. 21, Freiburg.
Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 24. Juli 2022.
www.kunstvereinfreiburg.de

Alex Ayed
Alex Ayed, Owls and Promises, 2022, Ausstellungsansichten Kunstverein Freiburg, 2022, Foto: Marc Doradzillo
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Alex Ayed, Owls and Promises, 2022, Ausstellungsansichten Kunstverein Freiburg, 2022, Foto: Marc Doradzillo

Ganz oben, hinten rechts auf Regalboden vier, liegt eine längliche Kiste. Darauf ein paar Gewölle, erbrochen von einer Eule, die vor unbestimmter Zeit nachts in den Bäumen eines alten Hofes wachte, irgendwo im Burgund. Vor ein paar Wochen reiste diese Kiste nach Freiburg, mit vielen anderen Dingen von diesem Hof, in einem LKW, den Alex Ayed lenkte, insgesamt 90 Kubikmeter Material. Das Entladen dauerte Stunden, das Sortieren Tage, bis am Ende alles zur Ruhe kam, die Koffer und Kartons, die Körbe, Gestelle, Steinguttöpfe und in Holzrahmen verspannten Gerätschaften. Vorläufig lagern sie nun in zwei Hochregalen im Kunstverein Freiburg, als sichtbarer Teil der Ausstellung „Owls and Promises“. Es ist die erste institutionelle Soloschau des 33-Jährigen in Europa, kuratiert von Theresa Rößler. Ayed, der in Strasbourg geboren wurde, derzeit in Frankreich und Tunesien lebt und zuletzt häufig mit Lydia Ourahmane zusammenarbeitete, macht mit diesem Displacement zugleich ein Versprechen wahr, das er gab, als vor ein paar Jahren sein Großvater starb und all diese Dinge hinterließ. Es war das Versprechen, sich um sie zu kümmern, was bedeutete, ihnen eine Zukunft zu ermöglichen und eine Ordnung zu geben, die sie zum Sprechen bringen könnte – über das Sammeln und das Bewahren, aber auch über den Zufall, der diese Objekte aus dem Alltag ins Blickfeld des Großvaters gespült hat, weil irgendetwas daran seine Neugier geweckt hatte.

Im Kunstverein probt Ayed nun die Verwandlung dieses Versprechens in künstlerische Praxis. Angesichts der schieren Menge des Materials könnte man meinen, dass es ihm darum geht, die ganz große Form zu finden, die das Chaos der Erinnerung bändigen könnte. Doch was Ayed ebenso antreibt, ist die Liebe zum Detail. Auf 200 Regalmetern, die eine gewaltige Schneise durch den Saal schlagen, reihen sich nummerierte Objekte und Kartons in endloser Folge, einige geöffnet, andere noch verschlossen. B steht für Bücher, FS für Fossilien und Muscheln, NR für Dinge, die noch auf den fürsorglichen Blick warten, auf das  Abwägen und Fragen, auf Hände, die sie drehen und wenden und dann wegen einer bestimmten Eigenschaft einer Gruppe von Dingen zuordnen, die diese Eigenschaft teilen. Man könnte es Care-Arbeit nennen, was Ayed hier praktiziert, das Auspacken und Säubern, das Kennenlernen und nicht zuletzt der Wunsch, den Bedürfnissen dieser Dinge Rechnung zu tragen. Das ist der zweite, weniger sichtbare Teil dieser Ausstellung. Er handelt davon, wie Objekte verstrickt sind in die Welt ­– und umgekehrt die Welt in sie.

Einige besonders sperrige Objekte stehen hier auf Paletten im Regal. Sie sind mit T gekennzeichnet, für „tools“, darunter ein Pflug aus rostigem Eisen oder ein mit scharfkantigen Steinabschlägen gespicktes Brett, das vor der Mechanisierung der Landwirtschaft zum Dreschen von Getreide verwendet wurde. Auch ansons­ten hatten die meisten Objekte aus Ayeds Regal ihren Ort im ländlichen Raum. Was ihn interessiert, sind die Wege, auf denen sie in den Handel und in den Gebrauch fanden, irgendwann ausgemustert wurden, in Vergessenheit gerieten, dort dem sammelnden Großvater in die Hände fielen und schließlich eine Reise antraten, die sie in den Kunstraum führte. Mit ihren Formen migrierte oft das Wissen über ihre Herstellung und ihre Nutzung, manchmal auch die Erinnerung an eine bestimmte Körperhaltung, die mit ihrer Verwendung verbunden war, ein Klang, ein Geruch. Auf wunderbar vertrauliche Weise fordern diese Dinge nun, als Werkzeuge mündlicher Überlieferung, zum Erzählen auf, zum Teilen von Wissen oder zum Imaginieren möglicher Lebensrealitäten. Und hoffen explizit überall dort, wo sich Herkunft oder Zweck einzelner Objekte nicht klar identifizieren lassen, auf die Expertise der Besuchenden. Dass diese helfen könnte, die Sammlung irgendwann aus ihrem Schwebezustand zwischen Erinnerung und Erwartung zu lösen und somit die Arbeit abzuschließen, ist nicht zu befürchten. Am Ende ist es gerade ihre halb ausgepackte, allenfalls vage sortierte Vorläufigkeit, mit der Ayed dem Versprechen, ihr Sorge zu tragen, das Versprechen hinzufügt, es auch in Zukunft zu tun – in immer neuen Ordnungen, an immer neuen Orten mit immer anderen Menschen. Darin steckt eine große Poesie.