Aykan Safoglu: Das stille Vorüberziehen der Dinge

Aykan Safoglu, Coalmine
Aykan Safoglu, Hundsstern steigt ab, 2020, Videostill, © Aykan Safoglu
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4. Mai 2022
Text: Dietrich Roeschman

Aykan Safoglu, Ebbe/Flut.
Coaline – Raum für Fotografie, Turnerstr. 1, Winterthur.
Montag bis Freitag 8.00 bis 19.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 16.00 Uhr.
Bis 15. Mai 2022.
www.coalmine.ch

Bieler Fototage.
6. bis 29. Mai 2022.
www.bielerfototage.ch

Er läuft und läuft und läuft. Gut zwölf Minuten ist Aykan Safoglu (*1984) in seinem Video „Hundsstern steigt ab“ unterwegs, und die Strecke, die er dabei absolviert, führt geradewegs zurück in seine Kindheit, an den Bosperus, ans deutsch-türkische Jungengymnasium Istanbul Erkek Lisesi, wo er seine Schulzeit verbrachte, und schließlich nach Imbros, auf eine Insel in der Ägäis. Er wird dort seine Eltern treffen, in einem Haus mit weißen Mauern und türkisfarbener Schwelle. Es ist das letzte Foto, das Safoglus Hand in dem Video auslegt, auf einer Art Laufband, von unten beleuchtet, was so aussieht, als würden all die Gegenstände, Schuhe und in feine Streifen zerschnittenen Analogfotos aus dem Familienalbum, die der Künstler mitgebracht hat, hier im endlosen Defilee über einen Scanner ziehen. Das hat zugleich etwas seltsam Entrücktes und extrem Fokussiertes.

Das stille Vorüberziehen der Dinge gibt den Rhythmus vor, im dem Safoglu über seine Jahre an der Schule erzählt, an der zwar westliche Vorstellungen von Emanzipation und Freiheit vermittelt, im gleichen Atemzug aber die militärische Tradition und die Überlegenheit der deutschen Kultur gefeiert wurde. Dazu passt, dass im selben Gebäude früher das Hauptquartier der Osmanischen Staatsschuldenverwaltung untergebracht war, einer 1881 unter englisch-französischer Führung gegründeten Organisation zur Eintreibung von Schulden des Osmanischen Reiches bei europäischen Unternehmen – und so als Instrument europäischer Kolonialinteressen in Kleinasien unter dem Vorwand der Hilfe bei der Ordnung der Staatsfinanzen die ökonomische Abhängigkeit des Osmanischen Reiches von Europa zementierte.

Diese Engführung und Überlagerung unterschiedlicher historischer und autobiografischer Erzählungen ist typisch für die Arbeiten von Aykan Safoglu, der Istanbul 2008 verließ und heute in Berlin und Wien lebt. Seine Ausstellung „Ebbe / Flut“, die in zwei Teilen derzeit im Raum für Dokumentarfotografie in der Coalmine in Winterthur zu sehen ist, bewegt sich entlang seiner eigenen Lebens-, Migrations- und Familiengeschichte und erkundet in tutorialartigen Videoessays, Filminstallationen und fotografischen Serien die Zusammenhänge zwischen subjektiver und kollektiver Erinnerungsarbeit, zwischen individuellen Erlebnissen und der Überlieferung historischer Tatsachen. Das fragmentarische Erzählen folgt der Flüchtigkeit der Erinnerung, durchsetzt mit kurzen Episoden aus dem Leben seiner Tante und seines Onkels etwa, die in den 1960er Jahren aus der Türkei nach Deutschland migrierten, Erinnerungen an den Vater oder an seine eigene Pubertät und die Lust, auf dem Heimweg nach der Schule wildfremde Männer zu verführen. Safoglu verknüpft diese Geschichten in seinen Arbeiten so miteinander, dass sie sich – durchaus im Modus von Gezeiten – gegenseitig immer wieder überspülen und freigeben, sei es in Form unzähliger aufpoppender Fens­ter am Computerscreen, sei es bei der tastenden Vergegenwärtigung von Erlebnissen und damit verbundenen Emotionen bei der Niederschrift von Notizen auf Kachelwänden, die er immer wieder wegwischt, um weiteren Reflexionen und Perspektiven Raum zu geben.

Nach dem Ende des ersten Teils seiner Soloschau in der Coalmine in Winterthur wird Aykan Safoglus Videoarbeit „Hundsstern steigt ab“ übrigens an die 25. Bieler Fototage weiterreisen und dort im Photoforum Pasquart zusammen mit Arbeiten von Reto Camenisch, Silvia Rosi, Joud Toamah und anderen zu sehen sein.