Manon: Einst war sie „La dame au crâne rasé“. Rollenspiel als Kunstfigur

Manon, Fotomuseum Winterthur
Manon, aus der Serie: Einst war sie MISS RIMINI, 2003, © Manon / 2022, ProLitteris, Zürich
Review > Winterthur > Fotostiftung
2. Mai 2022
Text: Iris Kretzschmar

Manon: Einst war sie „La dame au crâne rasé“.
Fotostiftung Schweiz, Grüzenstr. 45, Winterthur.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
www.fotostiftung.ch
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Scheidegger & Spiess, Zürich 2021, 352 S., 48 Euro / ca. 49 Franken.

Weitere Werke von Manon sind im Kunsthaus Zürich (bis 17. Juli 2022) und im Aargauer Kunsthaus (27. August 2022 bis 8. Januar 2023) zu sehen.

Manon, Fotomuseum Winterthur
Manon, Selbstporträt in Gold, 2014, © Manon / 2022, ProLitteris, Zürich

Ein rascher Blick in den Spiegel mit den verwelkten Rosen, bevor man die Ausstellung betritt. Mit diesem Vanitasobjekt empfängt Manon das Publikum zur Ausstellung in der Schweizer Fotostiftung. „Too late“ ist hastig mit rotem Lippenstift aufs blanke Spiegelglas notiert, eine Nachricht, die nicht nur die Vergänglichkeit von Schönheit und Körper anmahnt, sondern auch auf den späten Ruhm dieser wichtigen Künstlerin hinweist. Erst in den letzten Jahren hat ihr Schaffen die gebührende Würdigung erfahren, wurde 2008 mit dem Prix Meret Oppenheim, 2013 mit dem Grossen Kulturpreis der St. Gallischen Kulturstiftung ausgezeichnet und 2021 in Centre culturel Suisse in Paris gezeigt.

Geboren 1940 in Bern als Rosmarie Küng, zunächst im Heim, später in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen, ging Manon schon bald auf Distanz zu ihren Angehörigen. Nach Kunstausbildung und Schauspielschule arbeitete sie als Modell, Stylistin, Grafikerin, verkaufte selbstentworfene Glitzerkleider in einer eigenen Boutique und trat ab Mitte 1960er Jahre unter dem Pseudonym Manon auf. Sie gehörte zur Zürcher Kunstszene. Mit Urs Lüthi zusammen frönte sie der künstlerischen Selbstdarstellung.

Die Ausstellung in Winterthur zeigt Werke aus rund 50 Jahren ‒ Bildserien, Requisiten und installative Arbeiten. Sie legt ein Netz aus kunsthistorischen Verweisen und Querverbindungen innerhalb Manons Oeuvre offen. Es wird deutlich, dass die Künstlerin ihre Arbeiten nicht nur stetig erweitert, sie auch in nachfolgenden Werken als Requisiten auftreten lässt. Die Selbstdarstellung ist der Pulsschlag ihres Werkes. Berührungspunkte mit Cindy Sherman, Marina Abramovic´, Pipilotti Rist oder Madonna scheinen auf. Anfangs diente die Fotografie der scheuen Künstlerin zur Dokumentation ihrer Aktionen, später wird sie zum autonomen Ausdrucksmittel in Verbindung mit anderen Medien wie Verkleidung, Wandmalerei, Prothesen und Rauminszenierung. Mehrere Jahre arbeitete die Künstlerin in den verfallenen Räumen eines ehemaligen Kurhotels. Werke aus „Hotel Dolores“ (2008-2011) leiten durch die Ausstellung. Der inszenierte Raum wird hier zum erweiterten Selbst, Gegenstände zu Repräsentanten von Emotion. Selten sind Fotos von weiteren Personen zu sehen, mit einer Ausnahme: Frisch verheiratet mit Sikander von Bhicknapahari, sitzt sie ihm nackt gegenüber. Sie ist es, die seine Hände kontrolliert.

Manons Arbeiten hinterfragen schon früh klassische Rollenbilder und binäre Geschlechterzuschreibungen. Was heisst Weiblichkeit, was Selbst- und Fremdwahrnehmung in einer patriarchalen Gesellschaft? Brisante Themen, die heute im Fokus des Diskurses stehen. Sie macht Männer in einem Schaufenster zu Objekten der Begierde oder lädt mit dem „lachsfarbenen Boudoir“ zur Betrachtung ihres Schlafzimmers, eine sinnlich ausufernde Innendekoration, lustvoll bespielt mit weiblichen Accessoires, üppigen Stoffen, Spiegeln, Pelz, Federn, Schminkutensilien und Muscheln ‒ privater Alltag und Kunst in Symbiose. Geheimnisvoll und androgyn zeigt sie sich mit kahlrasiertem Kopf als „La dame au crâne rasé“ in verschiedenen Bildern. Bis heute ist das Spiel mit Rollenbildern ein Teil von Manons Oeuvre geblieben. In die Bilderreihe „Einst war sie MISS RIMINI“ (2003), mischt sich Melancholie. Nicht nur Glamour, auch Angst und Einsamkeit sind Teil ihrer Inszenierungen. Im letzten Raum zeigt sich die Künstlerin in einer weissen Zwangsjacke (2014), daneben ein Bild von zwei Stühlen vor einer leuchtend leeren Leinwand. Open End oder Ende der Vorstellung?