Mouse on Mars: Spatial Jitter. Wenn der Lautsprecher Amok läuft

Mouse on Mars
Mouse on Mars, Foto: Simone Gänsheimer, Visualisierung: Rupert Smyth
Review > München > Städtische Galerie im Lenbachhaus
26. April 2022
Text: Jürgen Moises

Mouse on Mars: Spatial Jitter.
Städtische Galerie im Lenbachhaus, Luisenstr. 33, München.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 18. September 2022.
www.lenbachhaus.de

Mouse on Mars
Mouse on Mars, Spatial Jitter, 2022, Foto: Lenbachhaus, Lukas Schramm

Es ist recht dunkel, wenn man in den Raum tritt. Es gibt Scheinwerfer am Boden. Und sie werfen auch Licht, aber vor allem lange Schatten. Man hört ein Klicken, Klirren oder Klackern. Irgendwann setzen Sägen oder auch verzerrte Streicher ein. Dann folgt ein dumpfes Brummen, das wie aus einer angrenzenden Disko klingt. Wo das alles herkommen könnte, lässt sich aber nur schwer ausmachen. Plötzlich fängt ein schwarzes Ungetüm ganz wild an, sich zu drehen. Es bewegt sich nach rechts, links, oben, unten, fast so, als würde es Amoklaufen. Währenddessen spuckt es Töne in den Raum. Und dann wird es still. Das Tier, das bei näherer Betrachtung wie ein Scheinwerfer aussieht, beruhigt sich. Bis man wieder ein Klicken oder Klackern hört. Und das Spiel geht munter weiter. – Willkommen bei „Spatial Jitter“, einer sehr eindrücklichen Sound-Installation, die das bekannte Berliner Elektronik-Duo Mouse on Mars geschaffen hat. Zu erleben ist sie im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses, der sich im Zwischengeschoss der U-Bahn-Station „Königsplatz“ befindet. Es ist ein mit 15 Metern sehr langer und fast fensterloser Raum. Und explizit für diesen wurde „Spatial Jitter“ konzipiert. Das heißt: Andi Toma und Jan St. Werner alias Mouse on Mars haben eine zweistündige Komposition dafür produziert. Michael Akstaller hat für sie Lautsprecher-Objekte gebaut, die die Töne lenken oder reflektieren, und Moritz Simon hat an der Decke hängende Perkussionroboter gebastelt. Ach und das erwähnte, Töne spuckende „Tier“ ist in der Tat ein umgebauter Scheinwerfer. 

Wieso das alles? Um den Kunstraum zum Klingen zu bringen. Um unsere Ohren zu irritieren. Um unsere Wahrnehmung herauszufordern und zu zeigen, dass es anders geht. Das heißt anders als mit zwei Ohren vor zwei Lautsprechern zu sitzen, in der angeblich idealtypischen Hörsituation. Die uns vor allem auch deswegen gefällt, weil wir und unser Gehirn so konditioniert wurden. Dabei ist so ein Stereo-Raum vollkommen künstlich. Auch auf Schallplatten wird er künstlich konstruiert. In der Realität ist die Klangwelt aber um uns und genauso wie wir ständig in Bewegung. Und was und wie wir etwas hören, das wird vom Raum, vom Standpunkt, den Dingen aber auch den Menschen im Raum beeinflusst.

Dass das so ist, das wollen Mouse on Mars mit „Spatial Jitter“ ins Bewusstsein rücken. Und dass sie der akustische Status Quo nicht interessiert, das beweisen Toma und St. Werner seit 30 Jahren. Bereits ihr Debütalbum von 1994 bot eine wilde, durchgeknallte Mischung, die die Kritik als „Kraut Dub“ oder „Post Techno“ bezeichnet hat. Und auch schon damals zeigte sich ihre Faszination für künstliche und maschinelle Klänge. Vom Studio über die Bühne haben sie dann 2004 erstmals ins Museum gefunden und in der Düsseldorfer Kunsthalle die Ausstellung „Doku/Fiction. Mouse On Mars Reviewed & Remixed“ organisiert. Nun sind sie im Kunstbau angekommen und stilistisch bei der Neuen Musik, mit Figuren wie Iannis Xenakis, Karlheinz Stockhausen oder La Monte Young als erklärten Vorbildern. Kuratorin Eva Huttenlauch und Matthias Mühling, Direktor des Lenbachhauses, brachten bei der Pressekonferenz zudem Arnold Schönberg und den Futuristen Luigi Russolo ins Spiel. Zu der für das Lenbachhaus wichtigen Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ sei die Entfernung da, so Mühling, nicht mehr weit. Auch weil es bei „Spatial Jitter“ (auf Deutsch etwa: „Räumliches Zittern“) mit Ton, Licht, Farbe und Bewegung um die elementaren Dinge der Kunst gehe, wie sie etwa auch Wassily Kandinsky analysiert habe. Was Kandins­ky nicht interessiert hat, das waren Gattungsgrenzen. Mouse on Mars stören sich ebenfalls daran. Und dass man auch im Lenbachhaus nicht „bürgerlich“ in Schubladen denkt, das hätten bereits die Kraftwerk-Installation 2011 oder die Konzerte von Julius Eastman bewiesen. Auch Mouse on Mars werden im September ein Konzert spielen und im Juni und Juli zwei Performances aufführen. Und selbstverständlich gibt es „Spatial Jitter“ auch als Schallplatte. Die bietet zwar nicht die gleiche, räumliche Erfahrung, aber ein umfassendes Booklet. Und das orange Vinyl ist sehr schön anzuschauen.