Otl Aicher 100: Offenheit, Leichtigkeit, Energie

Otl Aicher 100
Otl Aicher und Mitarbeiter, Ostermarsch ‘66
Review > Ulm > Museum Ulm
25. April 2022
Text: Florian L. Arnold

Otl Aicher 100.
HfG Archiv & Museum Ulm, Am Hochsträß 8, Ulm.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 16. April 2023.

isnyaicher22 – Otl Aicher & Isny.
Diverse Orte, Isny im Allgäu.
21. Mai bis 30. Oktober 2022.

Otl Aicher 100
Otl Aicher und Mitarbeiter, Olympische Spiele 1972 München, Entwurf 1970-71, © Florian Aicher HfG-Archiv – Museum Ulm
Otl Aicher 100
Otl Aicher und Mitarbeiter, Volksversammlung und Menschenkette 22.10.1983 Stuttgart – Neu-Ulm

Otl Aicher (1922-1991) war einer der wichtigsten Gestalter der Nachkriegszeit. Fotos zeigen ihn im fortgeschrittenen Alter als knorrigen Typ mit Lachfältchen in den Augenwinkeln – ein Unverbiegbarer, ein Denker und charismatischer Macher. In Rotis im Allgäu baute er sich eine Denkfabrik eigener Couleur, seine berühmte Schrift ist nach dem Örtchen benannt. Dem legendären Designer hat nun das HfG-Archiv in Ulm mitsamt dem Mutterhaus Ulmer Museum einiges an Aufmerksamkeit gewidmet. Zum Staunen über die frühe Reife des Künstlers gesellt sich beim Betrachten der Ausstellung „Otl Aicher:100 Jahre,100 Plakate“ das Staunen über die Zeitlosigkeit der Plakate. Sind sie auch klar einem Zeitkontext zuzuordnen, so hat doch alles Gültigkeit behalten. Hier begegnet man dem spielerischen, traumhaft leichtfüßig agierenden Otl Aicher. Bereits ab August 1945 entstanden erste Plakate und machten aufmerksam auf die Vortragsreihen, die Aicher zur Neubelebung des geistigen und kulturellen Lebens in Ulm ins Leben rief. Was für ein elektrisierender Kontrast zu den optischen Formen der Nazi-Zeit: Fließende Einlinien-Zeichnungen, von Hand gestaltete Schriften und eine raffinierte Farbgebung, die oft dreidimensionale Wirkungen erzeugt. Früh schon sichtbar ist die Hinwendung zur konkreten Kunst, zum Geometrischen, zur effektiven Reduktion der visuellen Mittel. Für Otl Aicher hatte das Plakat eine klare Aufgabe: „Ein Plakat ist ein Kommunikationsobjekt und kein Kunstobjekt und hat zuerst die Funktion zu erfüllen, verstanden zu werden“.

Der Erfolg ließ nicht auf sich warten: Als Dozent an der HfG sorgte er dafür, dass die Ulmer Institution nicht stur am Bauhaus-Erbe festhielt, sondern neue Wege suchte. Als Designer schuf er bis heute gültige Lösungen für das optische Erscheinungsbild von Unternehmen und Institutionen, gab dem Piktogramm als öffentliches Ereignis Raum und Wirkung. Als Aichers bekannteste Arbeiten zeigt das HfG-Archiv auch die Plakatserien zu den Olympischen Spielen 1972 in München. Da widmete er jeder Sportart ein eigenes Plakat: farbig verfremdete Fotos dienten als Grundlage für kontrastreiche und dynamische Motive mit deutlichem Bezug zur Pop Art. Pathos, Gigantismus oder Prunk gab es nicht – nur Offenheit, Leichtigkeit, Energie.

Nach dem Ende der HfG Ulm 1968 wurde er mit seinem „Rotis Institut für analoge Studien“ zum unermüdlichen Pionier visueller Kommunikation – die ihren künstlerischen Anspruch nie verhehlte. Im zweiten Teil des von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Ausstellungsprojekts wird ab 12. November 2022 „Otl Aicher: Widerstand und Protest: Symbole, Gesten, Signale“ im Museum Ulm zu sehen (bis 16. April 2023). Der politisch hellwache Aicher hatte sich schon als Jugendlicher gegen die  Vereinnahmung durch das Nazi-Regime gestemmt; lebenslang sollte er seine Gestaltung auch als entschiedenen Gegenpart zu manipulativen Gestaltungsformen verstehen. Aicher als Gestalter des Protestes ist in dieser Schau (wieder) zu entdecken: Wirkungsvolle Statements in Plakatform etwa für die „Ostermärsche“ oder Piktogramme im Pershing II-Protest. Oder das oftmals zitierte Logo in Erinnerung an die Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ – ein typischer Otl Aicher. Dessen ikonischen Vorlagen stellt das Museum neue Symbole für gegenwärtige Themen gegenüber, befragt aber auch die „Key Visuals“ aktueller Protestbewegungen. Auf der Suche nach vergleichbaren, interkulturellen und global verständlichen Zeichen wurden dafür Künstler*innen und Grafiker*innen aus neun Ländern und vier Kontinenten ausgewählt, ihre Plakatkampagnen, Leuchtreklamen, Anzeigentafeln, Billboards und Webdesigns zu zeigen.

Unter dem Titel „isnyaicher22“ wird schließlich auch Isny den Gestalter feiern, und zwar sowohl dessen Wortbildmarken für „Isny in schwarz und weiß“, als auch in einer Ausstelllung und in Veranstaltungen im temporären „aichermagazin“. Aichers engen Bezug zu Natur und Nachhaltigkeit formulieren heute viele weiter – davor, daneben, oftmals aber auch immer noch voraus ist Otl Aichers Werk in diesem Sommer in seiner klaren, frischen, präzisen Sprache aus Form und Farbe neu zu entdecken.