Tiefenschärfe. Zwischen Lust, List und Schrecken: Der Blick hinter die Oberfläche

Felix Vallotton, Tiefenschärfe
Félix Vallotton, Poivrons rouges, 1915, Kunstmuseum Solothurn
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28. März 2022
Text: Dietrich Roeschmann

Tiefenschärfe. Zwischen Lust, List und Schrecken.
Kunstmuseum Solothurn, Werkhofstr. 30, Solothurn.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 24. April 2022.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Scheidegger & Spiess, Zürich 2022, 128 S., 38 Euro | ca. 43.90 Franken.

Onorato & Krebs, Tiefenschärfe
Taiyo Onorato & Nico Krebs, W12, 2020, Courtesy the artists
Franz Gertsch, Tiefenschärfe
Franz Gertsch, Natascha IV, 1987/88, Courtesy the artist

Kein Skalpell ist schärfer als das Licht eines Laserstrahls. Für Taiyo Onorato und Nico Krebs (beide *1979) war er deshalb das Werkzeug der Wahl, um die Negative ausgewählter Landschafts- und Architekturaufnahmen aus ihrem Privatarchiv zu surreal leuchtenden Collagen zu verschneiden. In der Serie „Future Memories“ sind die geschmolzenen Kanten der Analogfilme als Materialspuren so gestochen scharf im Bild wie die geschickt miteinander verschränkten Innen- und Außenräume ihrer Wirklichkeitskonstruktionen. Die Ambivalenz ist gewollt: So perfekt die Illusion auch sein mag, sie bleibt immer als das Resultat eines handwerklichen Prozesses erkennbar. Onorato und Krebs liefern damit eine Steilvorlage für die Gruppenschau „Tiefenschärfe“, mit der sich Christoph Vögele nun nach 24-jähriger Tätigkeit als Direktor des Kunstmuseums Solothurn von dem Haus verabschiedet. Zusammen mit  Co-Kurator Andreas Fiedler schlägt er den Bogen zurück zu seiner Antrittsausstellung „Die Schärfe der Unschärfe“, die – unter anderem inspiriert von Bildern Gerhard Richters – Unschärfe als eine Art Realismus im Augenwinkel untersuchte und dabei auch die verschwimmenden Grenzen zwischen den Medien Malerei, Fotografie und Skulptur in den Blick nahm. Unschärfe, so seine These damals, führe näher an die Wirklichkeit als Schärfe. Der Spagat zwischen Theorie und Sinnlichkeit, den Vögele hier probte, sollte ein Markenzeichen seiner Ausstellungen bleiben.

Das gilt auch für „Tiefenschärfe“. Die Auswahl der Arbeiten ist geprägt von einer unübersehbaren Lust an der maximalen Sichtbarkeit alles Materiellen, hin und wieder gepaart mit einem fröhlichen Hang zur Täuschung, häufiger aber von der Vorstellung getrieben, dass die hypergenaue Untersuchung der Oberfläche den Blick öffnet für die Dinge dahinter. Wie die Buchcover, die Annette Kelm (*1975) für ihre 2019 entstandene Serie frontal vor weißem Grund fotografiert hat, oft hübsch gestaltet, aber ungeschönt, mit abgestoßenen Ecken und eingerissenen Umschlägen. Sie stammen von Kurt Tucholsky, Helene Stöcker oder Alfred Polgar und standen auf dem Index der Titel, die die Nazis bei den Bücherverbrennungen 1933 in Flammen aufgehen ließen. Die haptische Präsenz, die Kelm hier mit der Kamera herstellt, holt das historische Ereignis und die menschenverachtende Gewalt, die sich damit verband, auf denkbar eindringliche Weise in die Gegenwart.

Dazu funkeln in kleinen Grüppchen und auf mehrere Säle verteilt immer wieder blank polierte Baggerschaufelzähne von Sofia Hultén (*1975), gewissermaßen als ständige Mahnung, Verschüttetes freizulegen und so die Erinnerung wachzuhalten. Zum Beispiel an die harten Arbeitsbedingungen in der Schweizer Tabak- und Rüstungsindustrie der 1930er Jahre, die Jakob Tuggener und Hans Staub in ihren Fotoreportagen dokumentierten. Sie hängen hier zwischen Félix Vallottons anrührendem Selbstporträt als 20-Jähriger von 1885 und den wunderbar akribischen Stillleben des Schweizers Adolf Dietrich (1877-1957), einem Hauptvertreter der Naiven Malerei, über den Vögele intensiv forschte. Kein Zufall, dass seine Bilder häufiger in der Ausstellung auftauchen – mal im Dialog mit den vielteiligen Naturfotografien von Simone Kappeler (*1952), mal neben Franz Gertschs großformatigen Holzschnitten aus der „Natascha“-Serie oder den atemberaubenden Materialinszenierungen, die Bernard Voïta (*1960) aus Lampen, Gläsern und anderen Alltagsdingen als analoge Kippbilder zwischen Gegenständlichkeit und geometrischer Abstraktion vor seiner Kamera arrangiert. Boris Rebetez (*1970), unter anderem vertreten mit einer Auswahl seiner „Photo Collages“ (s. S. 20), beschließt den Parcours mit einer glamourös verspiegelten Skulptur aus verschachtelten Kuben, in der das Umfeld je nach Blickwinkel in immer neuen Pers­pektiven erscheint und so ein schönes Modell liefert für die Offenheit dieser essayistischen Ausstellung.