Earth Beats. Naturbild im Wandel: Erbaulicher Parcours durch Landschaften der Zerstörung

Earth Beats
Otto Morach, Fabrikbau, 1917, © Nachlass Otto Morach
Review > Zürich > Kunsthalle Zürich
18. Dezember 2021
Text: Dietrich Roeschmann

Earth Beats. Naturbild im Wandel.
Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1, Zürich.
Dienstag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Freitag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 6. Februar 2022.
www.kunsthaus.ch

Earth Beats
Francesca Gabbiani, Mutation V, 2020, © Francesca Gabbiani
Earth Beats
Ana Mendieta, Silueta de Arena, 1978, Filmstill, © The Estate of Ana Mendieta Collection LLC Courtesy / Galerie Lelong & Co. / 2021, ProLitteris, Zurich
Earth Beats
Albert Renger-Patzsch, Duisburg, Kühe an der Ruhrmündung, um 1936, Museum Folkwang, Essen, © Albert Renger-Patzsch / Archiv Ann und Jürgen Wilde, Zürich / 2021, ProLitteris, Zurich
Earth Beats
Tony Cragg, Das grüne Blatt, 1983, © 2021, ProLitteris, Zurich

Auf Plakaten an Zürichs Tramhaltestellen verbreiten seit einigen Wochen fünf brennende Palmen Endzeitstimmung. Das fotorealistische Motiv stammt von der italienischen Künstlerin Francesca Gabbiani und weist auf die erste Ausstellung im frisch eröffneten Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich hin: „Earth Beats“, von Kunsthaus-Direktor Christoph Becker im Vorwort zum Begleitkatalog etwas blumig annonciert als „künstlerischer Appell zum Schutz der Erde und ihrer natürlichen Ressourcen“. Die Schau erstreckt sich über mehrere Säle im zweiten Obergeschoss des von David Chipperfield entworfenen Neubaus, der mit seinen geschliffenen Sichtbetonwänden und den aus schwindelerregender Höhe ins Foyer stürzenden Marmortreppen, mit seinem modernistisch-mondänen Leitsystemdesign und den mit Messing beschlagenen Türstürzen auf eine bemerkenswert offenherzige Weise Luxus atmet. Gut zwanzig Jahre liegen zwischen den ersten Planungen dieses Hauses und seiner 206 Millionen Franken teuren Realisierung, durch die das Kunsthaus Zürich mit aktuell rund 5000 Quadratmetern Ausstellungsfläche prompt zum größten Kunstmuseum der Schweiz avancierte.

Mit Blick auf den Reichtum und die Verfügungsmacht über Rohstoffe, die allein die Materialität dieser Architektur repräsentiert, wirkt das Vorhaben einer Eröffnungsausstellung ausgerechnet zum Thema Ressourcenschonung und Klimawandel zunächst seltsam kontextvergessen. Daran ändern auch mahnende Arbeiten wie das Eisberg-Ensemble wenig, das Olafur Eliasson aus Carara-Marmor gefräst hat und nun im unterirdischen Durchgang zwischen Haupt- und Neubau kopfüber unter der Decke schwimmen lässt. Andererseits passt das gediegene Finish dieser Arbeit gut zum Konzept der Schau, die ganz klassisch der Einteilung der Schöpfung in die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft folgt und in diesem Rahmen auf eine denkbar große Bandbreite künstlerischer Strategien setzt. Ausgesprochen dekorativ empfängt so im ersten Saal Tony Craggs Wandbild „Das grüne Blatt“, das er 1983 aus Kunststoffabfall zusammensetzte, noch ohne dabei die schwimmenden Plastikmüllinseln im Sinn gehabt zu haben, die die Meeresströmung heute am Äquator zusammen spült. Auch ein Dschungelbild von Thomas Struth, Robert Zünds „Waldrand mit Schafherde“ von 1896 oder das romantische Porträt eines Pan-Am-Jets vor Abendhimmel von Fischli/Weiss, die in direkter Nachbarschaft hängen, lassen kaum erahnen, dass es im Fortgang der Schau vor allem um Zerstörung gehen wird. Angefangen bei Otto Morachs kubistisch versmogter Fabriklandschaft von 1917 und bei Albert Renger-Patzschs Kühen vor Kohleschiffen vor Hochofenschloten von 1936 bricht sich das Anthropozän als Effekt der Industrialisierung hier von Saal zu Saal zunehmend Bahn. „Melting Ice“ etwa dokumentiert als Ausstellung in der Ausstellung den Klimawandel anhand von Gletscheransichten aus unterschiedlichen Epochen der Kunstgeschichte. Und während Julian Charrière und Edward Davenport in der Videoarbeit „Iroojrilik“ den Relikten der Menschheit in den radioaktiv verseuchten Sperrbezirken des Bikini-Atolls nachspüren, übersetzen Armin Linke, Giulia Bruno und Giuseppe Ielasi in ihrer fünfteiligen Videoinstallation „Blind Sensorium“ auf eindrucksvolle Weise die Verschränkungen global agierender Systeme der Ausbeutung von Mensch und Natur in eine Erzählung, deren Struktur von den verwinkelten, oft widersprüchlichen Architekturen der „Carceri d’invenzione“ von Giovanni Piranesi inspiriert ist. Sehr berührend ist hier auch Ursula Biemanns Filmrecherche „Forrest Minds“ über indigenes Wissen und die Intelligenz der Natur, akustisch unterfüttert von der Schumann-Resonanz genannten Tonfrequenz, welche die Erde aussendet. Es sind vor allem Arbeiten wie diese, die mit ihrem Interesse an komplexen Zusammenhängen aus dem ansonsten oft überraschend erbaulichen Parcours von „Earth Beats“ herausstechen. Schade, aber vorhersehbar, dass diese Ausstellung derzeit ganz im Schatten der überfälligen und notwendigen Diskussion um die nebenan präsentierte Sammlung des Waffenhändlers und Nazi-Freundes Emil G. Bührle steht.