Bea Schlingelhoff, No River to Cross: Die Schatten der Vergangenheit

Bea Schlingelhoff Kunstraum München
Bea Schlingelhoff, No River to Cross, Mapping, 2021, Courtesy the artist & Kunstverein München, Foto: Constanza Meléndez
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5. November 2021
Text: Jürgen Moises

Bea Schlingelhoff. No River to Cross.
Kunstverein München. Galeriestr. 4, München.
Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 21. November 2021.
www.kunstverein-muenchen.de

Bea Schlingelhoff Kunstverein München
Bea Schlingelhoff, No River to Cross, Präambel, angenommen von den Mitgliedern des Kunstverein München am 19.08.2021, 2021, Courtesy the artist & Kunstverein München, Foto: Constanza Meléndez

Lovis Corinth, Franz Marc, Max Beckmann, Karl Schmidt-Rottluff, Wassily Kandinsky. Solch große Namen – um nicht zu sagen Klassiker – hat man in der vergangenen Zeit selten im Kunstverein München gesehen. War dieser in den letzten dreißig oder vierzig Jahren doch eher auf die zeitgenössische Kunst spezialisiert. In der aktuellen Ausstellung „No River to Cross“ ist das nun anders, und auch wieder nicht. Denn ja, es geht um die genannten und noch ein paar weitere bekannte Künstler. Aber anstatt ihrer in einer Liste verzeichneten Werke hängen nur deren Schatten an der Wand. Zumindest könnte man die grünen Rechtecke so nennen, die auf die Wände im ersten Stock des Hauses gemalt sind. Die „Schatten“, sie sind den Originalgrößen der Werke nachempfunden. Und ihre Platzierung entspricht in etwa der, die sie 1937 in der berühmten Femeschau „Entartete Kunst“ in den angrenzenden Hofgartenarkaden innehatten.

Die NS-Zeit und die Ausstellung „Entartete Kunst“: das sind wichtige Bezugspunkte für Bea Schlingelhoff (*1971), die „No River to Cross“ realisiert hat. Sich mit der Geschichte ihrer jeweiligen Ausstellungsorte auseinanderzusetzen, ist bei der Zürcher Künstlerin seit Jahren ein zentraler Punkt. Und so holt nun auch den Kunstverein München dessen unliebsame Vergangenheit ein. Denn dass der Verein wie viele andere Institutionen eine Komplizenschaft mit dem NS-Regime einging, das ist eine bekannte, in ihrer Gänze aber doch nicht so wirklich aufgearbeitete Geschichte. Dazu gehört etwa, dass nach einem 1936 beschlossenen Satzungsparagraphen „Nicht-Arier“ nicht mehr als Vereinsmitglieder zugelassen waren. Und genau hier setzt auch eine weitere Intervention von Bea Schlingelhoff an. Und zwar hat die Künstlerin einen Vorschlag für eine neue Präambel für die Vereinssatzung erarbeitet, der eine Entschuldigung für die Kooperation mit den Nazis enthält. Diese Präambel wurde den knapp 1300 Vereinsmitgliedern im vergangenen August zur Abstimmung vorgelegt und mit einer dreiviertel Mehrheit angenommen. Zusätzlich zur Präambel legte Schlingelhoff der Direktorin Maurin Dietrich und der Kuratorin Gloria Hasnay einen auf Deutsch und Englisch verfassten Entschuldigungsbrief zur Durchsicht und Korrektur vor. Im Treppenaufgang ist dieser „Offene Brief“ hinter Glas im Großformat mit den Unterschriften von Dietrich und Hasnay zu lesen. Darin verpflichten sich diese unter anderem auch zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Vereinsgeschichte und dazu, bestehende „physische, psychische und soziale Barrieren“ für den Vereinsbeitritt „abzubauen“.

Ob es zu alldem auch ohne Bea Schlingelhoff gekommen wäre? Vielleicht, wenn auch wohl auf eine etwas andere Weise. Der Druck, sich der eigenen Verflechtung in die NS-Geschichte und der zugehörigen Verantwortung zu stellen, ist seit einigen Jahren da. Auch wenn er gefühlt Jahrzehnte zu spät kommt und ihn zahlreiche der betroffenen Kulturinstitutionen weiterhin ignorieren. Etwa dort, wo es um die Rückgabe von Raubgut geht. Um das geht es hier nicht im Kunstverein, eher um eine symbolische Art der Wiedergutmachung. Und man könnte sich fragen, wem diese Entschuldigung 80 Jahre später hilft.

Nun, den direkten Opfern nicht wirklich, zu denen mit Maria Caspar-Filser, Jacoba van Heemskerck, Marg Moll und Emy Roeder übrigens auch vier heute kaum noch bekannte, „entartete“ Künstlerinnen zählen, die auf einer von Schlingelhoff gestalteten Plakette am Kunstvereinsgebäude genannt werden. Trotzdem. Auf Leerstellen in der Geschichte, im kulturellen Bewusstsein hinzuweisen, bleibt dennoch ein wichtiger Akt. Und man muss gestehen, dass die leeren Räume mit den dunkelgrünen „Flecken“ auf dem hellen Grün durchaus ihren ganz eigenen Effekt haben. Vor allem wenn das Sonnenlicht durch die Fenster fällt. Dann sieht man helle als auch dunkle Flecken, und ahnt, dass beide eng zusammengehören.