Alexandra Bircken, A-Z: das Alphabet des Körpers

Alexandra Bircken
Alexandra Bircken, v.l.n.r.: T(raum) 1, 2019, B.U.F.F. (Big, Fat, Ugly, Yellow), 2014, RSV 4, 2020, Skiliesl, 2010, Ohne Titel, 2011, Demolition Ball/Cassius, 2011, Eva, 2013, Trolley II, 2016, Foto: Haydar Koyupinar, © Alexandra Bircken, Courtesy the artist BQ, Berlin & Herald St, London
Review > München > Museum Brandhorst
30. September 2021
Text: Jürgen Moises

Alexandra Bircken: A-Z.
Museum Brandhorst, Theresienstr. 35a, München.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 16. Januar 2022.
www.museum-brandhorst.de
Katalog: Hatje Cantz, Berlin 2021, 328 S., 48 Euro | ca. 51.90 Franken.

Alexandra Bircken
Alexandra Bircken, Trophy, 2016, Foto: Roman März © Alexandra Bircken, Courtesy the artist BQ, Berlin & Herald St, London
Alexandra Bircken
Alexandra Bircken, Origin of the world, 2017, Lightning, 2019, Ship, 2005 (r.), Foto: Haydar Koyupinar, © Alexandra Bircken, Courtesy the artist BQ, Berlin & Herald St, London
Alexandra Bircken
Alexandra Bircken, Deine Beine, 2019, Foto: Haydar Koyupinar, © Alexandra Bircken, Courtesy the artist BQ, Berlin & Herald St, London

Ist das ein überdimensionierter Punchingball, der einem da vor der Nase hängt? Oder ist es eine Abrissbirne aus Leder? Vom Titel „Demolition Ball/Cassius“ her ist beides möglich. Zumindest wenn man ihn als Anspielung auf „Cassius Clay“ alias Muhammad Ali versteht. Dazu würde irgendwie auch die Ski-Skulptur daneben passen sowie das in der Mitte aufgeschnittene Motorrad. Das Gebilde aus schwarzen Fäden an der Wand könnte ein Klettergerüst sein. Und die Puppe mit dem weißen Kittel und dem schnabelartigen Holzkopf? Ist die als Sparringspartner zum Fechten gedacht? Der Eindruck, man hätte sich in eine Sporthalle verlaufen, der kann sich schon mal einstellen, wenn man naiv und unschuldig von der Treppe aus in das Untergeschoss des Museums Brandhorst blickt. Ist man vorher doch schon an einem aufgeschnittenen Motorradanzug vorbeigekommen und einem ebenfalls zerschnittenen Reifen. Tatsächlich ist man aber in der Ausstellung „Alexandra Bircken: A–Z“ gelandet, der bisher größten Werkschau der 1967 in Köln geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin.

Ganz so falsch ist die Sport-Assoziation aber nicht. Und zwar insofern als sich Bircken, die seit 2018 als Professorin für Bildhauerei an der Kunstakademie in München lehrt, zentral mit dem menschlichen Körper beschäftigt. Nur fand sie nicht über den Sport, sondern über die Medizin und Mode zu ihrem Thema. Chirurgin wollte die Wahl-Berlinerin ursprünglich werden, landete wegen zu schlechter Noten und ein paar Zufällen dann aber am Central Saint Martins College in London. Dort lebte sie mit dem Fotografen Wolfgang Tillmans und dem Designer Lutz Huelle in einer WG, wurde als Foto-Modell für Tillmans bekannt und machte in der Modebranche Karriere. Ihre erste Skulptur, eine kleine Wollarbeit, entstand 2003. Und bis zu diesem künstlerischen Übergangsmoment zurück lässt sich Birckens Laufbahn nun auch im Museum Brandhorst verfolgen. Wenn sie mit Materialien wie Wolle, Stoff, Leder oder einer ganzen Daunenjacke arbeitet, tritt die Designerin zum Vorschein. Beim gebastelten DNA-Strang aus Latex, Baumzweigen oder Blättern kommen Design und Medizin zusammen. Und dort, wo die Künstlerin Maschinenpistolen oder ein Motorrad zweiteilt, sie seziert, glaubt man die verhinderte Chirurgin am Werk.

Ein Aspekt, der dabei immer wieder auftaucht, ist der der Geschlechterbilder, der männlichen und weiblichen Stereotypen. Das kann in Form vermeintlich „weiblicher“ Materialien wie Wolle oder Stoff sein. (Z)erlegte Gewehre, Motorradtanks oder Schalthebel stehen als Sinnbilder für männliche Potenz, Abformungen der eigenen Vagina, von denen eine an einen Keuschheitsgürtel erinnert, rücken das weibliche Geschlecht sichtbar ins Bild. Ob diese Mann-Frau-Konfrontation noch ins Zeitalter fluider Geschlechtsidentitäten passt? Da wirkt Anderes zeitloser, aktueller. Wie etwa die große, leuchtende „Lunge“ aus Polyamid, die sich dank eines Gebläses hebt und senkt. Die wurde 2013 geschaffen und wirkt heute, in Zeiten der Pandemie, als Sinnbild der Verletzlichkeit noch intensiver.

Auch die „Madonna (ohne Kind)“ bleibt im Gedächtnis, obwohl sie nicht mehr als ein Umriss ist. Ähnliches gilt für die 1300 Rinder- und Geflügelknochen, mit denen Bircken die hölzernen Lüftungsgitter im großen Saal ersetzt hat. Das überzeugt weniger durch seine Idee als durch seine direkte, körperliche Wirkung. Und tatsächlich sagt Birken, dass sie das „Inhaltliche“ gar nicht so sehr interessiere. Der Umgang mit dem Material, das sei für sie das eigentlich Entscheidende. Das kann von A bis Z fast alles sein. Und wie sie das analysiert, zerlegt, amalgamiert und neu zusammenfügt, das hinterlässt fast immer eine eindrückliche Wirkung. Bleibt noch die Frage, warum auf dem durchgeschnittenen Motorrad die Webadresse einer österreichischen Dachdeckerei steht? Aber vielleicht sollte man auch hier nicht nach dem „Inhalt“ bohren.