Fiction? Bettern than Reality!: die eigentliche Freiheit

Fiction: Gabriela Fridriksdottir
Gabriela Friðriksdóttir, Cabin Fever, 2018, Videostill, Courtesy the artist
Review > Esslingen > Villa Merkel
1. Oktober 2021
Text: Jolanda Bozzetti

Fiction? Better than Reality!
Villa Merkel, Pulverwiesen 25, Esslingen.
Dienstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 14. November 2021.
www.villa-merkel.de

Fiction: Gabriela Frodriksdottir
Gabriela Friðriksdóttir, Crepsculum, 2011, Videostill, Courtesy the artist
Fiction: Laurel Nakadate
Laurel Nakadate, Exorcism in January, 2020, Videostill, Courtesy Galerie Tanja Wagner
Fiction: Laure Prouvost
Laure Prouvost, DIT LEARN, 2017, Videostill, Courtesy Lisson Gallery

Unter dem Titel „Fiction? Better than Reality!“ stellen die Arbeiten acht internationaler Künstlerinnen Fragen zum Verhältnis von Fiktion und Realität, nach den verschiedenen Ebenen zwischen Traum, Mythos, Animation, Utopie oder Dystopie. Kuratorin Deborah Bay hat künstlerische Produktionen zusammengetragen, die in ihrer Vielfalt die Komplexität unserer Zeit abbilden und zugleich die Freiheit der künstlerischen Ausdruckskraft ins Zentrum stellen. Zum Großteil sind es Film- und Videoarbeiten, viele davon in einen installativen Rahmen eingefügt. Jede Arbeit entfaltet so einen eigenen Raum mit einer eigenen Stimmung, lässt die Betrachterinnen und Betrachter in ihren eigenen Kosmos eintreten.

Im Lichthof der Villa hängen von der Decke herab getrocknete und rosa angestrichene Äste einer Esche. Es ist die Arbeit „Bronchi Tree“ (2021) der isländischen Künstlerin Gabriela Fridriksdóttir (*1971). Sie nimmt Bezug auf die nordische Mythologie, in der die Esche als Weltenbaum Yggdrasil verehrt wird. Verbindungen zur Mythologie finden sich auch in ihrem Video „Crepusculum“ (2011), das surreale Traumszenen, rätselhafte Wesen und Landschaften zu suggestiven, nichtlinearen Erzählungen verwebt. Eine Installation aus Sand und Keramikgefäßen schafft eine Verbindung zwischen Ausstellungs- und Filmraum. In „Cabin Fever“ (2018) gibt eine fortwährend laufende Druckmaschine Takt und Tempo vor, in der sich eine rasche Abfolge an Schwarzweiß-Bildern über einem aus Kunstharz gefertigten, überdimensionierten Ei abspielt, das auf einem Berg zerknüllter Zeitungsblätter zu thronen scheint. Nicht zuletzt in ihrer assoziativen Symbolik erinnert diese Arbeit an frühe Experimentalfilme. Auch die Videoarbeit „DIT learn“ (2017) von Laure Prouvost (*1978) ist von schnellen Schnitten und einer assoziativen Aneinanderreihung von Bildern gekennzeichnet. Hier scheint die Welt durch Kinderaugen betrachtet zu werden, eine intuitive, sinnliche Wahrnehmung von Farben, Formen, Klängen und Gerüchen. Verbale Bezeichnungen und Bedeutungen werden dabei in Frage gestellt. Sprache wird als Konvention, als Konstrukt entlarvt. Die Kategorien Realität und Fiktion verflüssigen sich, das machen die Kunstwerke dieser Ausstellung bewusst.

Die schwedische Künstlerin Jacqueline Forzelius (*1982) bildet in Dioramen („Beyond your World“, 2018-2020) Räume in Miniaturformat ab. Auf den ersten Blick scheinen es niedliche Puppenstuben zu sein, doch bei genauerem Hinsehen entdeckt man eine unheimliche Seite dieser menschenleeren Orte. Ein akribisch genau nachgebautes Jugendzimmer etwa ist das „Schlafzimmer eine rechtsterroristischen Massenmörders“, namentlich der Attentäter von Utøya. Zwischen Schreibtisch und Bett steht das Material für die Sprengsätze seines Anschlags von 2011 bereit. Scheinbare Normalität entpuppt sich in diesen Dioramen als Umfeld von Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen in psychische Abgründe geraten sind.

Poppig, bunt und schrill hingegen gestaltet Rachel Maclean (*1987) die Räume, in die ihre Videoarbeiten eingebettet sind. Ihren Film „Make Me Up“ (2018) betrachtet man auf mit pinken Hussen bedeckten Stühlen, der gesamte Raum ist mit seidenen Stoffbahnen und Schleifen ausgekleidet. In diesem künstlich-gemütlichen Umfeld wohnt man auf der Leinwand einer makabren Dystopie bei, in der Siri und Alexa mit weiteren jungen Frauen als Gefangene einer Schönheitsklinik in einer Splatter-Gameshow antreten und das Geheimnis der „Make Me Up“-Schönheitsklinik enthüllen müssen. In comicartigen Animationen und satirischer Überspitzung verhandelt Maclean die oft widersprüchlichen Anforderungen, denen Frauen heute ausgesetzt sind, verstärkt durch die zweischneidige Rolle der sozialen Netzwerke. Auch hier verschränken sich fiktive und reale Elemente, werden Fragen nach dem Wahrheitsgehalt in der Fiktion, ebenso wie nach dem Anteil des Fiktiven, zumindest des Absurden, in unserer Realität gestellt.