Yael Davids: One is always a Plural: Einfach mal auf den Kopf drehen

Yael Davids, A Reading That Loves, A Physical Act, 2017, Iteration of Vanishing Point, 2021, Courtesy the artist, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst, 2021, Foto: Giuseppe Micciché
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16. Juli 2021
Text: Annette Hoffmann

Yael Davids: One Is Always a Plural.
Migros Mueum für Gegenwartskunst, Limmatstr. 270, Zürich.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 5. September 2021.
www.migrosmuseum.ch

Yael Davids, Horizontal – from image to movement, 2021, Courtesy the artist, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst, 2021, Foto: Giuseppe Micciché
Yael Davids, Vanishing Point, 2020, Courtesy the artist, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst, 2021, Foto: Giuseppe Micciché

In Yael Davids‘ Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst „One is Always a Plural“ erzählt Moshe Feldenkrais (1904-1984) eine Geschichte. Er habe im Zug zwischen Tel Aviv und Haifa einmal einen jemenitischen Juden getroffen, der ihm durch die Art zu lesen, aufgefallen sei. Denn das Buch stand Kopf, so dass er selbst mitlesen konnte. Als er seinen Mitreisenden darauf ansprach, kam er sich wie ein Idiot vor, berichtet Feldenkrais, denn der habe ihm gezeigt, dass es lediglich Konvention sei, wie man das Buch beim Lesen halte. Feldenkrais‘ Anekdote, die er 1980 auf einem Workshop im Hampshire College in Amherst vortrug, hat viel vom Sendungsbewusstsein jener, die mit dem Körper arbeiten, um zu einem besseren Leben zu kommen. Für Yael Davids, 1968 im Kibbuz Tzuba in der Nähe von Jerusalem geboren, wird der Videomitschnitt vertraut klingen. Davids hat nicht nur Bildhauerei studiert, sondern in Remscheid auch Choreografie und Tanzpädagogik. Sie kommt während der Dauer der Ausstellung regelmäßig nach Zürich, um Feldenkrais-Stunden zu geben.

Wie die verschiedenen Fäden ihrer Ausstellung mit ihrer Biografie verknüpft sind, erzählt die in den Niederlanden lebende Künstlerin im Booklet ihrer Ausstellung. Das Panzerglas, mit dem sie seit einigen Jahren minimalistische und zugleich elegante Installationen macht, wird in dem Kibbuz hergestellt, in dem sie aufgewachsen ist. Die früher rein agrarisch organisierte Lebensgemeinschaft hat auf hoch spezialisiertes Glas umgestellt, das in einem Krisengebiet einen sicheren Absatz hat. Der Glaube an das Kollektiv, wie er sich im Ausstellungstitel „One is Always a Plural“ ausdrückt, mag von dieser Sozialisation herrühren. Doch was wäre die Alternative? Eine Publikation von Yael Davids heißt schließlich „Dying is a solo“.

Ihr Interesse am Tanz und an Körpertechniken hat viel mit ihrer Heimat Israel zu tun und mit Davids‘ verstorbener Mutter, über die sie auf die Choreografien von Noa Eshkol (1924-2007) stieß, die so ganz ohne Musik auskamen und die auf eine sehr rationale Weise die Bewegungsmöglichkeiten des Körpers ausgehend von seinen Hauptachsen erforschten. Yael Davids ist nicht die erste, die Noa Eshkol für den Kunstkontext entdeckt. 2016 etwa widmete der Badische Kunstverein der Tänzerin und Choreografin eine Ausstellung, bei der auch ihre Wandteppiche gezeigt wurden. In Zürich ist nun die Präsentation einer Dokumentation zu sehen, die um eine vertikale Achse in die Grundideen ihrer Notation einführt. Eshkol wiederum war eine Schülerin von Feldenkrais. Davids hat sich nach dem Tod ihrer Mutter Wahlverwandtschaften zugelegt, deren Wirken für sie immer noch lebendig ist. Zu ihr gehört auch die Lyrikerin Else Lasker-Schüler, die 1945 vereinsamt und durch die Erfahrung des Exils geprägt in Jerusalem stirbt. Ihre Totenmaske ist ebenso in der Ausstellung zu sehen wie ein Blatt, auf dem Davids mit ihrem eigenen Haar das Gedicht „To the Barbarian“ gestickt hat.

Viele der Pioniere der Körperarbeit waren von der Lebensreformbewegung beeinflusst, die selbst die unterschiedlichsten Strömungen in sich vereinte. Etwas von diesem Eklektizismus findet sich auch in der Vorgehensweise von Yael Davids, die ihre Auseinandersetzung mit der Sammlung im unteren Stockwerk unter Begriffe wie Schwerkraft, Gewicht, Leichtigkeit und Dunkelheit stellt. Ihre Gedanken und Kommentare zu Werken von Sara Masüger oder Hans-Peter Feldmann sind auf Tafeln nachzulesen. Während im oberen Stockwerk neben Heidi Buchers „Bodyshells“ und Phyllida Barlows Skulpturen „Street Untitled: signs“ auch die Glas-Installationen Yael Davids‘ zu sehen sind, die wie eine Choreografie durch Horizontalen und Vertikalen bestimmt sind. Aufgegriffen werden diese durch die durch den Raum gespannten Stoffe, aus denen teilweise die Schussfäden gezogen wurden, so dass sie wie das transparente und beschichtete Glas Einblicke erlauben. So jedenfalls hat man die Sammlung des Migros Museum für Gegenwartskunst noch nicht gesehen.