Die Dämonen wohnen im Unterholz

Persijn Broersen & Margit Lukács, Mastering Bambi, 2010, Videoinstallation, © the artists / AKINCI, Amsterdam, Foto: Eres Stiftung, Thomas Dashuber
Review > München > ERES Stiftung
14. März 2021
Text: Roberta De Righi

And the Forests will echo with laughter – Wald ohne Bäume in Kunst und Wissenschaft.
Eres-Stiftung, Römerstr. 15, München.
Samstag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 31. Juli 2021.

Anmeldung unter www.eres-stiftung.de/besuch

Marcus Maeder, Espirito da floresta / Forest Spirit, 2017/2020, © Marcus Maeder, Foto: Eres Stiftung, Thomas Dashuber
Heinz Schabus, Im tiefen Wald, 2020, © Hans Schabus Bildrecht GmbH, Foto: Eres Stiftung, Thomas Dashuber

Im Wald können sowohl die Weisheit als auch der Wahnsinn wachsen: Der Schriftsteller Henry David Thoreau zog sich Mitte des 19. Jahrhunderts in eine Blockhütte in Massachusetts zurück und schrieb über seine Zeit im Wald die Aussteiger-Bibel „Walden“. Auch der als „Unabomber“ bekannt gewordene Terrorist Ted Kaczynski isolierte sich Anfang der 1970er Jahre in den Wäldern Montanas, verübte von dort aus über Jahre hinweg Briefbombenattentate und schrieb – er war Mathematiker – ein technologie- und systemkritisches Manifest. Für seine Projektion „Two Cabins“ baute James Benning die Räume nach, in denen Thoreau und Kaczynski hausten und von dort aus komplett gegensätzliche Wege „zurück zur Natur“ wählten. Bennings Arbeit von 2011 ist nun Teil der Ausstellung „And the Forests will echo with laughter – Wald ohne Bäume in Kunst und Wissenschaft“ in der Münchner Eres-Stiftung. Die Schutzhütte, die Hans Schabus für den Eingangsbereich schuf – Titel: „Im tiefen Wald“ – ist Programm: Ein Raum, bergend und beengend zugleich, in dem der Geruch nach Holzteeröl so stark ist, dass es einem fast den Atem nimmt. Die Substanz, mit der man u.a. Schiffe kalfatert, ist im Ursprung natürlich, aber zum Industrieprodukt verarbeitet. Surrogate und Versatzstücke wie Tannennadelduft, Fichtengrün, Moosboden gibt es in dieser kitschfreien Schau nicht. Die Beiträge der 21 internationalen Künstlerinnen und Künstler setzen sich weitgehend unromantisch mit Mythos und Wirklichkeit, Symbolik und Botanik auseinander.

Das Waldsterben von einst hat ja schon lange eine globale Dimension erreicht: Den dramatisch schwindenden Urwald Amazoniens suchten sowohl Luisa Baldhuber als auch Marcus Maeder auf: Baldhuber verfasste eine Art Reisetagebuch aus dem Yasuni-Nationalpark in Ecuador. Maeder reiste bereits dreimal zum Stützpunkt eines internationalen Forschungsprojektes in Brasilien und macht in seiner Raum- und Video-Installation „Espirito da Floresta“ den CO²-Gehalt des Regenwaldes in Flötentönen hörbar. Bei Martin Kippenberger sieht man hingegen den Wald vor Pillen nicht. In seiner Vitrinen-Installation „Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald“ von 1993 liegen zwischen stilisierten Birkenstämmen überdimensionierte Schmerztabletten aus Holz – die Idylle als Ort bürgerlicher Betäubung. Ähnlich trockener Humor kommt in John Baldessaris Video „Teaching a Plant the Alphabet“ (1972) zum Ausdruck: Eine sonore Stimme versucht einer Topfpflanze die Buchstaben beizubringen. Dabei sind wir es, die wie Thoreau von der Natur lernen müssten. Von der Kulisse zum Protagonisten wird der Wald bei Klaus Littmann: Während der Renovierung des Wörthersee-Stadions in Klagenfurt im Herbst 2019 bepflanzte er das Spielfeld temporär mit einem Mischwald aus 299 Bäumen – ein hochumstrittenes Kunstprojekt. Noch weiter gehen Persijn Broersen & Margit Lukacs in ihrem Film „Mastering Bambi“: Sie fuhren in die Wälder von Maine, die als Vorbild für den Wald in Walt Disney Film-Klassiker dienten, und filmten dort in 3D. Doch hier gibt es weder Bambi noch Feline; die verfremdete Natur, unterlegt von der digital veränderten Filmmusik, ist Ereignis und Hautdarsteller zugleich. Wolfgang Kaisers Arrangement „The Gold Bug“ wiederum will den Wald in seiner Ambivalenz sichtbar machen: Das schließt den Märchenwald von Hänsel und Gretel ebenso ein wie den so genannten „Selbstmordwald“ bei Aokigahara in Japan. Todeszone und (Alp-)Traumlandschaft, Nutzplantage, wertvoller Lebensraum und weltweit bedrohtes Öko-System – die Ausstellung nähert sich ihrem Thema mit analytischem Rundumblick. Es geht um die Komplexität von Torfschichten (Miriam Ferstl) und die Ästhetik von Borkenkäferstrukturen (Antje Majewski), um die Bandbreite von Vogelgezwitscher (Marcellvs L. & Munan Øvrelid) – und um die Rückkehr der Füchse in die Stadt (Tue Greenfort). Nur der Wald als Sehnsuchtsort kommt nicht mehr vor, als ob man das Klischee unbedingt ausklammern will. Was aber nicht ganz klappt, denn hinter all der vorgeblichen Abgeklärtheit bricht doch ab und zu das Sentiment durch. Was angesichts der Bedrohung des Waldes – ob durch den Holzbock oder Bolsonaro – auch angemessen ist.