Critical Zones. Wir müssen nur die Laufrichtung ändern

Ausstellungsansicht der Installation Future Fossil Spaces von Julian Charrière
Julian Charrière, Future Fossil Spaces, 2017 © Julian Charrière, © VG Bild-Kunst, © ZKM | Karlsruhe, Foto: Elias Siebert
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24. Februar 2021
Text: Dietrich Roeschmann

Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik.
ZKM Karlsruhe, Lorenzstr. 19, Karlsruhe.
Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr,
Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Verlängert bis 8. August 2021.

www.zkm.de

Katalog:
MIT Press, Boston 2020, 550 S., Englisch, 63 Euro / ca. 69.90 Franken.

Installationsansicht des Critical Zone Observatory Space von Alexandra Arènes und Soheil Hajmirbaba
Alexandra Arènes / Soheil Hajmirbaba, Critical Zone Observatory Space, 2018-2020, © A. Arènes, S. Hajmirbaba, mit ZKM, SOC, OZCAR, OHGE. Film: S. Levy; Ton: P. Franke; Film Assistenz: F. Vivet; Karten: A. Arènes & A. Grégoire; Animation:J. Damourette & S. Levy; Musik: G. Lori, © ZKM | Karlsruhe, Foto: Elias Siebert
Installationsansicht der Arbeit Flash Point (Timekeeper) von Sarah Sze
Sarah Sze, Flash Point (Timekeeper), 2018, © Sarah Sze, © ZKM | Karlsruhe, Foto: Elias Siebert
Installationsansicht der Arbeit Oceans in Transformation von Territorial Agency
Territorial Agency, Oceans in Transformation. The Architecture of the Continental Shelf, 2019-2020, © Territorial Agency, © ZKM | Karlsruhe, Foto: Elias Siebert
Ausstellungsansicht der Installation Hidroscopia Loa von Claudia González Godoy
Claudia González Godoy, Hidroscopia Loa, 2018, © Claudia González Godoy, © ZKM | Karlsruhe, Foto: Elias Siebert

Sanft rauscht der Strengbach über Granitgrund durch den lichten Wald ins Tal. Hier oben in den Vogesen, auf rund 1000 Metern, recken Fichten ihre dünnen Zweige in den Himmel, dazwischen ein paar Buchen, unter denen auf schmalen Holzgestellen transparente Plastiksäcke hängen. Kommt ein Sturm mit Starkregen oder einfach nur der Herbst, fangen sie den Niederschlag und das Laub auf. Regelmäßig schaut dann jemand vom Hydro-Geochemischen Umwelt-Observatorium, kurz: OHGE, vorbei, leert die Säcke und trägt die Proben ins Labor – „zur Langzeitbeobachtung natürlicher und vom Menschen verursachter Störungen der Ökosysteme Boden, Wasser und Wald“, wie es auf der Homepage der Forschungsstation heißt.

So geht das jetzt seit 25 Jahren und nur wenige wissen von der Existenz des OHGE. Doch das dürfte sich bald ändern. Anlässlich der Ausstellung „Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik“, die nach einer virtuellen Vernissage im Mai nun auch in den realen Räumen des ZKM Karlsruhe eröffnet hat, luden Kurator Bruno Latour und ZKM-Direktor Peter Weibel das Forscherteam aus dem Elsass zur Visualisierung ihres multidisziplinären Ansatzes in Form eines begehbares Raummodells ein. Aus gigantischen Aluprofilen zusammengeschraubt, faltet sich nun das Strengbachtal in den ersten Lichthof der ehemaligen Munitionsfabrik. Die Besucher bewegen sich dabei unterhalb des gedachten Landschaftshorizonts – also dort, wo im wirklichen Leben das Grundwasser durch die Gesteinsschichten sickert. Meterhohe Bohrkerne und Fundamente von Messstationen verstellen ihnen den Weg, im Halbdunkel des Settings leuchtet ein Nachbau des realen OHGE-Labors zur physikalischen Wasseranalyse, Animationen simulieren den Nährstoffaustausch zwischen Bäumen, Gestein, Erde, Bakterien und Flechten.

Das OHGE Strengbach gehört zu einem weltweiten Netzwerk von 170 Observatorien zur Erforschung der sogenannten Critical Zone, der sich die Karlsruher Ausstellung mit gut 60 Arbeiten zwischen Kunst und Wissenschaft im realen Raum widmet. Man könnte sie als Versuch der Modellierung einer neuen Räumlichkeit der Erde beschreiben, die den Blick für die Vielfalt der Lebensformen schärfen soll und für ihre gegenseitige Abhängigkeit. Anders als das wirkmächtige Bild vom Blauen Planeten, das die Möglichkeit einer Außensicht auf unsere Lebensbedingungen suggeriert, beschreibt der geowissenschaftliche Begriff der Kritischen Zone die unentrinnbare Involviertheit des Menschen in seine Umwelt, die aus nichts als einer 50 Kilometer schmalen, hochempfindlichen Schicht zwischen Stratosphäre und den weichen Regionen der tieferen Erdkruste besteht. Wenn die Erde bewohnbar bleiben und ihr hauchdünner Biofilm nicht reißen soll, so die These dieser Schau, müssen wir unsere Politik ändern – und endlich damit beginnen, die Welt ohne den Menschen im Mittelpunkt zu denken.

Welche Rolle die Kunst bei der Etablierung dieser neuen Welterzählung für das Post-Anthropozän spielen könnte, lässt sich in Karlsruhe gut erkunden. Das ZKM bietet mit seinen durchlässigen Räumen ein schönes Ambiente für dieses offene, von einem umfangreichen „Fieldbook“ und zahlreichen Veranstaltungen begleitete Projekt. Angefangen bei detaillierten Pflanzenillustrationen von Orra White Hitchcock und Alexander von Humboldts Landschaftspanoramen, die wie Blaupausen für heutige Infografiken wirken, über Gustave Courbets geologisch versierte Grottenbilder oder Caspar Wolfs dramatische Aufrisse der Kritischen Zone in den Alpen der Vorromantik reihen sich die künstlerischen Arbeiten hier auf zwei Stockwerken zu einem lockeren Parcours, der vor allem mit den Beiträgen zeitgenössischer Kunstschaffender stark auf räumliche Erfahrung setzt und auf das Gefühl des Eingebundenseins.

So entführt eine Soundarbeit von Marcus Maeder ins ausgetrocknete Unterholz des vom Klimawandel stark betroffenen Pfynwaldes im Schweizer Wallis. Die US-Amerikanerin Sarah Sze verwandelt mit ihrer schwindelerregenden Licht- und Videoinstallation „Flash Point“ einen ganzen Saal in eine flirrende Geländeprobe aus den Sedimenten der Critical Zone. Und während Uriel Orlow in seiner berührenden Arbeit „Soil Affinities“ den terrestrischen Verbindungen von Pflanzen und Gemüsebauern in Paris und im Senegal nachgeht, entwirft Otobong Nkanga auf einem riesigen Wandteppich eine Karte der Narben, die der Bergbau in der Landschaft Namibias hinterlassen hat. Zu den beeindrucksten Arbeiten von „Critical Zones“ gehört aber die raumgreifende, in zartem Rosa schimmernde Säuleninstallation „Future Fossile Spaces“, die Julian Charrière aus Steinsalz gehauen und mit Glasbehältern für Lithiumlauge bestückt hat. Beide Materialien stammen aus der bolivianischen Salzwüste von Uyuni, die mit ihren weltweit größten Lithum-Vorkommen den Rohstoff für die Zukunft der Elektromobilität birgt. Geradezu exemplarisch für diese sehenswerte Schau kreist Charrières Arbeit um die Ambivalenz der Konzepte von Heimat und Natur, der wir uns verbunden fühlen – und sie zugleich zerstören, um von ihr zu leben statt mit ihr. Höchste Zeit für einen Perspektivwechsel.