Caline Aoun, The Threshold of Impermanence.
Kunstmuseum Appenzell, Unterrainstr. 5 / Kunsthalle Appenzell, Ziegeleistr. 14, Appenzell.
Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 25. Oktober 2026.
www.kunstmuseum-kunsthalle.ch
Die Natur im Appenzellerland ist postkartenreif. Vor allem der markante Gipfel des Säntis, den an schönen Wochenenden Tausende besteigen oder per Seilbahn befahren, während unter ihnen die saftigen Wiesen vorbei ziehen, weit genug entfernt, um zu übersehen, dass in dieser idyllischen Landschaft kaum ein Quadratzentimeter ungenutzt bleibt von der Agrarindustrie. Mittlerweile grasen die Kühe hier bis auf über 2000 Metern Höhe. Und nicht nur das. Bis in die 1990er Jahre wurden die Wiesen mit vermeintlich ökologischem Klärschlamm gedüngt. Erst später stellte sich heraus, dass dieser hochgradig mit PFAS, sogenannten Ewigkeitschemikalien, belastet war, die über das Gras und den Löwenzahn, der hier überall sprießt, in die Milch fanden.
Manchmal lohnt sich ein zweiter Blick. Denn selten sind die Kräfte offensichtlich, die hinter den Oberflächen wirken und die Dinge formen, die wir sehen. Sie erfahrbar zu machen, hat sich die libanesische Künstlerin Caline Aoun (*1983) zur Aufgabe gemacht. In ihrer Werkschau „The Threshold of Impermanence“ im Kunstmuseum Appenzell und in der Kunsthalle in der ehemaligen Ziegelhütte am südlichen Ortsrand untersucht sie die Bedingungen, unter denen natürliche und künstliche Systeme wirksam werden, sich verändern und immer neue Zustände von Bildern erzeugen. Oft sind diese kaum dauerhafter als wenige Augenblicke, wie das feuchte Schimmern der gekühlten Alu- und Edelstahlplatten der Serie „Electric Dew“, die auf den ersten Blick wie monochrome Malereien wirken, changierend zwischen Grau, Blau und zartem Rosa. Aus der Nähe gesehen sind sie überzogen mit einem Film aus Eis und Tau. Kondenswasser tropft zu Boden, das am Abend aufgewischt wird, damit die Architektur keinen Schaden nimmt. Das Zusammenspiel von Raumtemperatur, Luftfeuchtigkeit und Kühlung wird hier zum bildgebenden Verfahren und führt zugleich vor Augen, dass die Oberfläche eines Bildes nie nur passiv ist, sondern immer auch Ort eines Austausches zwischen Material und Umgebung. Im Hintergrund brummen und surren dazu die Generatoren. Caline Aoun hat sie backstage jeweils im Nebenraum ihrer gekühlten Arbeiten platziert, wo sie jetzt Wärme abgeben. In einem anderen Saal schraubte sie zudem die Leuchtkörper von der Decke und arrangierte sie, mit Kupferblech ummantelt, am Boden. Auch sie geben Wärme ab und lassen die Energie körperlich spüren, die die Infrastruktur des Museums mit ihren Geräten zur Licht- und Klimaregulierung abstrahlt. Dazu gesellen sich ein paar hochglanzpolierte Kalksteine, wie von einem Steinschlag in den Raum geworfen. Dass einige dieser Steine auch draußen vor dem bodentiefen Fenster wie Geröll im Gras neben der Dorfstraße liegen, verwischt die Grenze zwischen Innen- und Außenraum auf sanfte Weise.
In einem weiteren Saal ist der Boden mit Tausenden von Piniennadeln übersät. Aoun hat sie aus Kupfer gegossen, nach einem Exemplar, das sie vor ihrem Studio fand. Obwohl Pinien im Libanon ursprünglich nicht heimisch waren, gehören sie hier nach Jahrhunderten gezielten Anbaus mittlerweile zu den meist verbreiteten Baumarten. Als unkompostierbare Mutanten stehen Aouns Nadeln so nicht nur für den Informationstransfer zwischen den Medien, sondern erzählen auch von der engen Verflechtung von Natur und Zivilisation.
Im zweiten Teil ihrer Werkschau in der Kunsthalle Appenzell rückt Aoun die Wirkungen technologischer Systeme in den Blick. In Kupferblech gewickelte Smartphones heizen sich hier durch das stundenlange Streamen von Videos auf. Flankiert werden sie von einer Serie von Inkjetprints, entstanden durch den exzessiven Einsatz eines Druckers bis an den Rand des Kollaps, so dass die monochromen Flächen zunächst in psychedelische Fehlfarben kippen und sich schließlich ganz auflösen. Im Erdgeschoss – wiederum mit Panoramafenster in die Landschaft – sprudeln auf einem weißen Teppich vier Brunnen, befüllt mit den Druckfarben Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz. Weil ihre Pumpsysteme miteinander verbunden sind, plätschert die Flüssigkeit inzwischen in schlammigem Graubraun aus den Düsen. Es ist der Farbton, in dem die Welt erscheinen würde, würde man all ihre Farben übereinander drucken.




