Cao Fei, Testimonies to the Near Future: Humor und Horror im digitalen Kapitalismus

Cao Fei
Cao Fei, aus: Asia One 02, 2018, Videostill, Courtesy the artist, Creative Vitamin Space, and Sprüth Magers
Review > Basel > Kunstmuseum Basel Gegenwart
11. September 2026
Text: Dietrich Roeschmann

Cao Fei, Testimonies to the Near Future.
Kunstmuseum Basel Gegenwart, St. Alban-Rheinweg 60, Basel.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 11. Oktober 2026.
www.kunstmuseumbasel.ch

Cao Fei
Cao Fei, RMB City – A Second Life city planning, 2007 (Animationsstill), 2007, Courtesy the artist, Creative Vitamin Space, and Sprüth Magers
Cao Fei
Cao Fei, Hip Hop: Shanghai, 2025, Videostill, produced by nowness, Courtesy the artist, Creative Vitamin Space, and Sprüth Magers
Cao Fei
Cao Fei, Cosplayers, 2004, Courtesy the artist, Creative Vitamin Space, and Sprüth Magers

Nach umfangreicher Sanierung und langer Stille ist das wirkliche Leben jetzt zurück im Kunstmuseum Basel Gegenwart. Mitgebracht hat es ausgerechnet Cao Fei, 1978 in Guangzhou geboren und eine der einflussreichsten Pionierin der digitalen Kunst. Mit einem Schlag bekannt wurde die Chinesin 2004 mit ihrer Videoarbeit „Cosplayers“. Damals begleitete sie Jugendliche mit der Kamera dabei, wie sie in den Kostümen ihrer Lieblingsfiguren aus Mangas oder Computerspielen vor den Kulissen in den Himmel wuchernder chinesischer Megacities durch Reisfelder und unwirtliche Brachen tobten. Cao Feis Video dokumentierte eine Subkultur, die ihren Kick aus dem ständigen Wechsel der Identitäten und Wirklichkeiten zwischen der virtuellen und der physischen Welt bezieht.

Nicht ohne Grund steht „Cosplayers“ auch in Basel am Beginn dieser spektakulären Werkschau, die in sieben Themenblöcken alle vier Stockwerke des Museums bespielt. Das Kampfgebrüll der kostümierten Teenager aus der Sektion „The Park“ wird unterfüttert von durcheinander scheppernden Hip Hop-Beats, die das Foyer nebenan beschallen. In der Mitte des Saals – Themenfeld „The Street“ – steht eine mit Eding vollgekritzelte Skaterrampe. Auch die Wände sind mit Graffiti überzogen. Das Setting wirkt so erfunden wie die Kulisse eines Fernsehstudios aus den Achtzigern. Cao Fei sind solche Überinszenierungen wichtig. Die Bühnenbilder, die sie für ihre Foto-, Video- und VR-Arbeiten entwirft, funktionieren wie Portale zu einer anderen Wirklichkeit. Wer sie betritt, wird selbst Teil der Erzählung und findet sich plötzlich am Straßenrand in Shanghai, New York oder Fukuoka  wieder, wo Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen ihre HipHop-Moves vor der Kamera präsentierten. Mehr als zehn Jahre, bevor TikTok online ging, probte Cao Fei das verbindende Potenzial von Tanzvideos längst in der Kunst. 

Auch als sich kurz darauf Millionen von Fans für ein paar Jahre auf der Online-Plattform Second Life herumtrieben und dort mit realem Geld ein virtuelles Zweitleben aufbauten, war Cao Fei schon vor Ort – mit ihrem Avatar „China Tracy“. 2007 programmierten die Künstlerin und ihr Team die virtuelle Stadt „RMB City“,  um die Bedingungen des realen Immobilienmarkts zu erkunden und die engen Verstrickungen von Kunst, Kapital, Arbeit und Technologie spielerisch erfahrbar zu machen. Seit 2011 ruht RMB City im Archiv, in Basel wird sie nun noch einmal aktiviert. Als eine Art Update wartet im Obergeschoss – Sektor „The Playground“, nur ohne Schuhe begehbar – die Rauminstallation „Duotopia“ von 2022. Auf einem wandfüllenden Screen liefern Kurierfahrer in 8-Bit-Pixelart-Look zwischen fliegenden Melonen Pakete aus, beobachtet von einem riesigen Oktopus an der Wand gegenüber, unter dem Kinder in einem überdimensionierten Bällebad herumspringen. Die schillernde Stoffskulptur ist das greifbare Pendant zu Cao Feis zweitem Avatar „Oz“, einem androgynen Zwitterwesen aus Mensch und Maschine, das für die Verknüpfung von künstlicher und biologischer Intelligenz in der Gegenwart unserer Gesellschaft steht. Besonders eindrücklich wird das in den Werkgruppen, die Cao Fei der Arbeitswelt im digitalen Kapitalismus widmet. Im Sektor „The Factories“ stehen die Menschen im Zentrum, die den Warenverkehr in Zeiten des nach wie vor wachsenden Onlinehandels überhaupt erst möglich machen. In dem Video „11.11“ begleitet Cao Fei Paketboten beim Sortieren gigantischer Warenberge und bei ihren Liefertouren quer durch Peking bis an die letzten Wohnungstüren in den höchsten Hochhäusern der Stadt. Für diese Doku des permanenten Ausnahmezustands hat Cao Fei den Museumsraum in ein Verteilzentrum umgebaut. Und auch im Saal nebenan ist Industrie-Gummiboden verlegt. Schwarzgelbe Sicherheitsmarkierungen und stabile Gitter rahmen das Set, in dem „Asia One“ läuft. Es ist die surreale Liebesgeschichte von zwei Menschen und einem Roboter in einem vollständig automatisierten Logistikzentrum bei Shanghai. Ein schöner Balanceakt zwischen Humor und Horror, Empathie und Empirie – und auch zwischen der physischen und der digitalen Welt, welche diese Ausstellung so kurzweilig ineinander aufgehen lässt.