Olaf Breuning, Humans.
Museum zu Allerheiligen, Klosterstr. 16, Schaffhausen.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, letzter Donnerstag im Monat 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 27. September 2026.
www.allerheiligen.ch
Wer wie Olaf Breuning (*1970) in Schaffhausen geboren wurde, weiß um das erzählerische Potenzial einer gut gemachten Installation. Von verregneten Sonntagen, von Schulausflügen. Seit Breunings Kindheit hat sich die Präsentation der Objekte im Museum zu Allerheiligen mehrfach an die Zeit angepasst, doch das Kesslerloch-Diorama von 1939 ist geblieben. Noch immer sind zwei Jäger der Magdalénien-Kultur mit dem Ausbessern ihrer Waffen beschäftigt, dick in Fell eingehüllt, geschützt von der Höhle, vor sich die Weite ihrer Jagdgründe. Das Museum zu Allerheiligen ist ein Universalmuseum, das die Kulturgeschichte der Stadt zeigt, aber auch die bedeutenden eiszeitlichen Funde aus dem Kanton Schaffhausen.
Im Sonderausstellungsbereich kündigt nun die Fototapete einer vierköpfigen Bigfoot-Familie Olaf Breunings Einzelausstellung „Humans“ an. Sie befinden sich in einer Lichtung, irgendwo in den Wäldern des Hudson Valleys, wo der Künstler seit einiger Zeit lebt. Und wie sie da wie die Orgelpfeifen aufgereiht ausschreiten, lassen sie die Beatles mit ihrem Abbey Road-Cover wie müde Adepten aussehen. Das haarige Monster aus den Appalachen als besserer Mensch ist auch so eine schöne Geschichte. Die Frühzeit ist bei Breuning Teil der Popkultur und wir allenfalls „a Short Moment in Time“. So heißt eine der kleinformatigen Bleistiftzeichnungen, die der Schweizer Künstler eigens im Hinblick auf seine Ausstellung im Museum zu Allerheiligen geschaffen hat. Ein Saurier steht etwas gebückt neben einer Palme oder einem prähistorischen Schachtelhalm. Er duckt sich unter einen Meteor, genauer unter jenen Meteor, der die ganze Gattung zu einem kurzen Moment der Geschichte werden lassen wird. Auf absonderlich-komische Weise könnte einem auch der sitzende Affe aus Bronze so etwas wie Demut lehren. Das goldgefasste Ende des blauen Seils, das sich hinter ihm ausbreitet, macht die Lebensspanne des Menschen proportional zur Erdgeschichte aus. Und um die richtigen Verhältnisse herzustellen, hat Breuning die Arbeit „20 mm“ genannt.
Offen ist das Ende nicht. Olaf Breuning mag sich zwar seinen verspielten Humor erhalten haben, doch der Grundtenor der Ausstellung in diesem Dürresommer lautet: wir nehmen unsere Verantwortung für die Erde nicht wahr. Auf einer Fotografie bilden Vögel über einer Landschaft die beiden Sätze „Why can you not be nice with nature? What is wrong with you???“ Während die Aufnahme „The Edge“ den blauen Planeten auf der Kippe zeigt. Die Erdkugel scheint sich gerade noch an der Spitze des Plateaus zu halten – oder vielleicht ist sie auch schon im Fallen in die Tiefe endloser Wälder begriffen. Und auch in der großen Installation „Out of Balance“ ist sichtlich etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Unzählige glänzende Rüstungen auf Rollschuhen haben sich in einem Pulk heillos ineinander verkeilt. Weder wirkt die Fortbewegungsart angemessen noch die Helme sowie die Bein- und Armschienen zeitgemäß, mehr noch: unpassend, um aktuelle Probleme zu lösen.
Olaf Breunings Pointen sitzen immer noch, sie entlocken immer noch ein Kichern – vor allem seine Zeichnungen ˗, sie sind nicht subtiler geworden, dafür düsterer. In den neueren Videos hat Breuning anstelle von Darstellern KI eingesetzt. Im Video „Simple Human“ sieht man die Höhlenmenschenvariante des Künstlers sich sehr menschliche, existenzielle Sinnfrage stellen. Das Atelier hat etwas vom Kesslerloch, die Songs etwas von einem Musical. In der Passerelle läuft man an den acht schmalen, vertikalen Bildschirmen der Videoarbeit „AI Characters“ vorbei. Immer fängt irgendwo eine der Figuren aufmerksamkeitsheischend zu singen an, so dass man vom Reptilmenschen zum Astronauten und zum Curt Cobain-Verschnitt springt, als würde man etwas verpassen. Durch alle diese Charaktere erkennt man den Künstler, für den KI so etwas wie die konsequente Fortsetzung der ersten Werkzeuge des Menschen ist. Olaf Breuning mag den Glauben an die menschliche Vernunft verloren haben, nicht aber den Fortschrittsoptimismus.





