Regift – Swiss Institute New York at 40.
LUMA Westbau, Limmatstr. 270, Zürich.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 6. September 2026.
www.westbau.com
Am Eingang zum LUMA Westbau liegen in einer Schale Streichholzschachteln zum Mitnehmen aus. Das Covermotiv zeigt eine stark verzerrte Reproduktion des Papageien-Porträts vor rotem Grund, das Louise Lawler 2009 in der Ausstellung „Regift“ im New Yorker Swiss Institute (SI) zeigte und das derzeit in der Sammlungsschau „Carrying“ ím Museum Brandhorst in München zu sehen ist. „Regift“ in ihrer Zürcher Version feiert nun den 40. Geburtstag des Swiss Institute und bezieht sich ihrerseits auf die historische New Yorker Schau, die der Konzeptkünstler John Miller zusammen mit SI-Kuratorin Piper Marshall organisiert hatte. „Uns interessierten vor allem Künstler, deren Werke den gängigen Ablauf von Produktion, Ausstellung und Verkauf unterbrachen und mithilfe einer Logik des Schenkens kurzschlossen“, schreibt er im Begleit-Essay zur Zürcher Schau. Die Ausstellung von 2009 beruhte auf George Batailles Buch „Der verfemte Teil“ von 1949. Der französische Philosoph unterschied darin zwischen einer partikularen, auf Produktion, Kapitalakkumulation und Wachstum beschränkten Ökonomie und einer allgemeinen Ökonomie der Zirkulation und der Verausgabung von Ressourcen und Energien. Die Ausstellung in Zürich, die John Miller zusammen mit Alison Coplan und SI-Direktorin Stefanie Hessler kuratiert hat, erweitert die damalige Auseinandersetzung mit Wertesystemen jenseits der Wachstumslogik um die Frage, wie Praktiken des Gebens, Schenkens und Weiterreichens soziale, kulturelle und ökonomische Beziehungen prägen.
Rund ein Dutzend der Arbeiten stammen von Künstler:innen, die schon an der New Yorker Schau mit dabei waren, darunter Barbara Bloom, Leigh Ledare, Mike Kelley und Mai-Thu Perret. Sylvie Fleury hat aktuelle Stücke aus ihrer Serie „Shopping Bags“ mitgebracht, die den Bogen zwischen der Kunst und Batailles Konzept der „unproduktiven Verausgabung“ schlagen. Auch die Streichholzschachteln von Louise Lawler fügen sich da gut ins Bild. Sie zielen ebenso auf die Widersprüche zwischen Begehren und Konsum wie der in Rot, Silber und Blau funkelnde Bonbonberg von Felix Gonzales-Torres (1957-1996), der passend zum runden SI-Geburtstag neben einer überdimensionalen Gipstorte von Gina Fischli in einer Ecke aufgeschüttet ist. Die Bonbons waren schon früher zum Mitnehmen und sind es heute noch. Wie aus einer unerschöpflichen Quelle tauchen sie seit den Neunzigern immer wieder in Kunsträumen auf und bilden dort Haufen, die von den Besucher:innen langsam ab- und in die Welt hinaus getragen werden, erst als unerwartete Beute – ein echtes Kunstwerk, gratis! –, dann als Souvenir. Und am Ende, wenn allmählich die Erinnerung an die Ausstellung und das Glücksgefühl des Beschenktwerdens verblasst, landen sie oft im Müll. Aus der Ferne klingt im LUMA Westbau dazu der Gesang von Menschen, die der japanische Künstler Yutaka Sone seit Jahrzehnten spontan auf der Straße anspricht, um mit ihnen seinen Geburtstag zu feiern. Erstmals zu sehen war die Videoarbeit im Rahmen der Skulptur Projekte Münster 1997. Seither wächst sie Jahr für Jahr und wiederholt doch immer wieder nur die Rituale des Singens, Kerzenauspustens und Jubelns, eine endlose Hommage ans gemeinsame Feiern des eigenen Daseins. Jason Hirata aus New Jersey dagegen zeigt – flankiert von zwei Cowboys – ein leeres Regal, das darauf wartet, sich mit Dingen zu füllen. Zuletzt war „Accumulator“ als potenzieller Ort kollektiven Sammelns im Freiburger Offspace Kaiserwache ausgestellt, wo Hirata jeder Person, die seine Ausstellung „Vergeltung“ besuchte, von Kurator Ilja Zaharov ein individuelles Honorar für schwer bezifferbare Leistungen wie Interesse oder Anwesenheit auszahlen ließ. Wie alle anderen Beteiligten spendete Jason Hirata seine Arbeit nun dem Swiss Institute, das diese im Rahmen von „Regift“ zum Verkauf anbietet. Die Erlöse der Schau, an der rund 50 Kunstschaffende beteiligt sind – darunter Nairy Baghramian, Anna-Sophie Berger, Lorenza Longhi, Nicolas Party, Walter Pfeiffer, Ugo Rondinone, Amy Sillman, Tschabalala Self – sollen die Zukunft des SI als Plattform für junge Künstler:innen sichern. Ironie der Geschichte: Eben meldete artnet.com, dass das SI neue Räume im unmittelbarer Nachbarschaft des New Museum gekauft habe. Schöner lässt sich kaum vorführen, wie notwendig und schwierig zugleich es bis auf Weiteres bleibt, der partikularen Ökonomie zu entkommen.





