Daphne Wright: Memory and Presence. Das emotionale Gewicht der Dinge

Daphne Wright, Primate, 2009, Courtesy the artist & Frith Street Gallery, London
Preview > Bremen > Gerhard Marcks Haus
8. Juli 2026
Text: Rainer Beßling

Daphne Wright: Memory and Presence.
Gerhard Marcks Haus, Am Wall 208, Bremen.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 21.00 Uhr.
12. Juli bis 18. Oktober 2026

marcks.de

[— artline>Nord] Zu den Protagonisten von Daphne Wright gehören ihre beiden Söhne. Die irische Bildhauerin formt sie in markanten Altersphasen ab. Zwischen Kindheit und Jugend, auf der Schwelle zum Erwachsensein. Sie zeigt die Jungen im häuslichen Alltag: am Küchentisch, etwas älter auf der Couch. Sie erscheinen wie herausgeschnitten aus dem Leben, angehalten,auf Dauer gestellt. Zeit ist zum Raumbild geformt, ein Monument des Moments im Vorüber- und Vergehen.

Die Heranwachsenden sind mit ihrem Lebensmittelpunkt verbunden, zugleich ihm bereits entwachsen, ortlos auf dem Weg zu etwas Neuem. Alles erscheint disharmonisch, das Vertraute fremd, die Identität ungeklärt, schwankend im Modus von Unsicherheit und Möglichem. Den Betrachtenden ist der Blickwechsel verwehrt, die Augen der jungen Männer sind geschlossen, das Gesicht wirkt leer, eine Lebendmaske. Die Figuren aus dem Jetzt und aus der Zeit gefallen rufen Assoziationen zu klassischen Männerbildern auf. Wright setzt Darstellungen von Körperidealen, wie sie sich in Athleten, Helden und Göttern zeigen, einen aktuellen Diskurs über jugendliche männliche Identität entgegen. Dem Entwicklungsmoment wird Tastendes, Fragiles und Prekäres eingeschrieben.

Wrights Skulpturen sind großenteils Meditationen über das Vergehen der Zeit und die Vergänglichkeit des Lebens. Das Starre und Statische der Skulpturen und Szenerien sind gebrochen durch die Materialität der Werke. Wright verwendet empfindliche, zerbrechliche Materialien wie Jesmonite, ungebrannten Ton und Gips, Oberflächen wirken pulvrig, eine temporäre Ansammlung von Partikeln, tendenziell Staub. Die Front zwischen Abstraktion und Figürlichkeit ist Geschichte. In der Bildhauerei geht es längst nicht mehr um die Austreibung, sondern um das Verständnis der Figur, der Figur im Raum analog zu den Relationen des Menschen in seinen Lebensräumen. Der Körper bleibt der Angelpunkt, wenn man ihn als Repräsentanten für das Individuum und das unverwechselbare Subjekt in einem gesellschaftlichen, politischen und privaten Umfeld versteht. Und der Körper bleibt die Achse der Wahrnehmung.

Daphne Wright schafft berührende Resonanzverhältnisse. Ihr Interesse richtet sich nach eigenen Worten auf „das emotionale Gewicht, das gewöhnliche Dinge und Gesten in sich tragen“. Sie erklärt die Figur mit inhaltlichem Gewinn zum formalen Problem, ohne die körperpolitischen Diskurse der Gegenwart auszuklammern. So schreibt sie die bildhauerische Befragung des menschlichen Körpers auf sinnliche Weise fort. Die Ausstellung ist die bislang aufwändigste Schau des Bildhauermuseums.