Radio-Aktivität. Kollektive mit Sendungsbewusstsein: Aufstand der Hörer

Review > München > Städtische Galerie im Lenbachhaus
31. März 2020
Text: Jürgen Moises

Radio-Aktivität. Kollektive mit Sendungsbewusstein.
Lenbachhaus, Luisenstr. 33, München.
Dienstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 23. August 2020.

www.lenbachhaus.de

Vor 45 Jahren erschien das Kraftwerk-Album „Radio-Aktivität“. Dessen Cover zeigte den  Deutschen Kleinempfänger, im Volksmund auch „Goebbelsschnauze“ genannt. Und Titel wie „Geigerzeiger“ oder „Radioland“ machten deutlich, dass es der Krautrock-Legende dem gewitzten Titel folgend um beides ging: Kernenergie und Rundfunk. Wenn nun eine Ausstellung im Münchner Lenbachhaus den Titel „Radio-Aktivität“ trägt, darf man das ohne Frage als Hommage an die berühmte Band verstehen. Ihre Antennen richten die Kuratorinnen Karin Althaus und Stephanie Weber in ihrer Schau über „Kollektive mit Sendungsbewusstsein“ aber dann doch in eine andere Richtung aus oder, um nochmal Kraftwerk zu zitieren, hin zu anderen „Ätherwellen“.  

Der Kleinempfänger kommt jedenfalls nur am Rande vor, oder eher im Sinne einer bewussten Leerstelle. Genauso wie Goebbels und der Nationalsozialismus überhaupt. Stattdessen haben Althaus und Weber für ihre von den 20ern bis in die 70er reichende Geschichte der „Radio-Aktivität“ Bertolt Brecht und dessen um 1930 formulierte Radio-Theorie zum Ausgangs-, Dreh- und Angelpunkt erkoren. Diese basiert selbst auf einer Drehung. Denn während das Radio für Brecht 1927 noch eine „sehr schlechte Sache“ war, eine Melange aus „Küchenrezepten und Wiener Walzer“, erklärte er es zwei Jahre später zum Mittel der Selbstermächtigung. Der Zuhörer müsse zum Sprecher und Produzenten werden, forderte er und rief zum „Aufstand der Hörer“ auf.

Max Radlers (1904-1971) Gemälde „Der Radiohörer“ zeigt einen ersten Schritt in diese Richtung. Als eines von vier ikonischen Gemälden zum Thema Radio aus der Weimarer Republik, die am Anfang der Ausstellung stehen. Dargestellt ist ein Mann mit Radio und Kopfhörer. Hinten durchs Fenster sieht man eine Fabrik, neben ihm liegen eine Programmzeitschrift und ein Stift für möglicherweise kritische Notizen. Wilhelm Heise (1892-1965) hat sich auf „Verblühender Frühling“ als Radiobastler dargestellt. Kurt Weinhold zeigt einen nackten „Mann mit Radio“ als neueste Ausformung des Homo Sapiens und Kurt Günther (1893-1955) den „Radionist“ als Kleinbürger mit Rotwein und Zigarre. Eine Revolution ist mit diesem nicht zu machen.

Anders bei Brecht und Walter Benjamin, die mit neuen Radioformaten experimentierten. Brecht mit dem Lehrstück „Der Lindberghflug“ als Versuch den Hörer zum „Helden“ zu machen, Benjamin in Form von 80 Hörspielen, von denen nur der „Radau um Kasperl“ fragmentarisch erhalten und zu hören ist. Die Arbeiter-Radio-Bewegung baute auf eigene Sender, Zeitschriften und Bastelgruppen. Die in den 30ern erfolgte Gleichschaltung der Medien machte dem aber den Garaus. Dass in den 20ern auch an anderen neuen Formen der Kommunikation und Vernetzung gearbeitet wurde, dafür stehen Paul Renners Schrifttype Futura oder die vom Argentinier Xul Solar entwickelte Sprache Neocriollo.

Danach erfolgt ein Sprung in die 60er Jahre, in denen Brechts Radiotheorie neu diskutiert wurde. Es werden Versuche einer „écriture feminine“ dokumentiert. Es geht um die Antipsychiatriebewegung, die Münchner Künstlergruppe SPUR, die von einem „Kollektiv der Individuen träumte“ sowie Jacqueline de Jong und ihre im gleichen Geiste produzierte Künstler-Zeitschrift „The Situationist Times“. Das alles zusammen zu denken, braucht etwas guten Willen; etwa den, im Radio weniger eine neue Technik als eine soziale Utopie zu sehen. Der geistige Kitt dafür findet sich in einem „Leseraum“ und auf der Website, wo es die Ausstellungstexte und zwei Ausgaben der „Situationist Times“ als PDFs gibt. Dass das Radio in seinem Ursprungsland, den USA, bereits in den 1910er Jahren utopische Heilserwartungen auslöste, hätte als Hinweis vielleicht nicht geschadet. Und natürlich hätte man auch eine Linie zum Internet ziehen können. Aber der Vergleich zum Bloggertum oder zu Youtube, der drängt sich so oder so auf.