Alexandra Grant, Ein Stern genügt, um an das Licht zu glauben: Zwischen die Zeilen gefühlt

Alexandra Grant
Alexandra Grant, Ein Stern genügt, um an das Licht zu glauben, 2026, Ausstellungsansicht im Neuen Museum Nürnberg, Foto: Annette Kradisch, Foto und © Studio Alexandra Grant
Review > Nürnberg > Neues Museum
25. September 2026
Text: Julie Metzdorf

Alexandra Grant: Ein Stern genügt, um an das Licht zu glauben.
Neues Museum, Klarissenplatz, Nürnberg.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis 20.00 Uhr.
Bis 11. Oktober 2026.
www.nmn.de

Alexandra Grant
Alexandra Grant, Detail aus Bild zu Texten von Pauline Füg, Foto und © Studio Alexandra Grant
Alexandra Grant
Alexandra Grant, Detail aus Bild zu Texten von Hélène Cixous, Foto und © Studio Alexandra Grant

Acht Bilder, jedes 4 x 4,5 Meter groß, zusammengesetzt aus mehreren Papierbahnen. Das Papier ist kein Zufall: Im Zentrum der Arbeiten von Alexandra Grant steht stets ein Text. „Ich habe Literatur schon als Kind als etwas erlebt, das Halt geben kann“ erzählt die 53-Jährige beim Rundgang durch ihre Ausstellung. „Mit einem schottischen Vater und einer amerikanischen Mutter, deren Eltern Einwanderer waren und aus anderen Ländern kamen, habe ich verstanden, dass ihnen Literatur Halt gegeben hat. Und ich war sicher, dass sie auch mir Halt geben würde – über Sprachgrenzen und nationale Grenzen hinweg.“

Für ihre Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg hat sich Alexandra Grant mit acht Autorinnen vom 13. Jahrhundert bis heute auseinandergesetzt, vier von ihnen haben einen direkten Bezug zur Stadt. Da ist etwa Christina Ebner, eine Mystikerin, die als Nonne im Kloster Engelthal bei Nürnberg gewirkt hat. Grant hat aus Ebners „Engelthaler Schwesternbuch“ eine Passage ausgewählt, die eine Vision beschreibt, in der sich die Blätter eines Baumes in Sterne verwandeln. Das Bild wirkt wie eine riesige Buchmalerei: Der Text ist in purpurnen, geschwungenen Lettern gehalten, die als Siebdruck auf die Papierbahnen gedruckt wurden. Das Layout orientiert sich an einer Mittelachse, rechts erscheint der Text im deutschen Original, links auf Englisch. Hinzu kommen gerahmte Medaillons mit comichaften Bunt- und Filzstiftzeichnungen sowie ein Untergrund aus tausenden Sternen auf Dunkelblau. Die Zitate aus der karolingischen Buchmalerei sind überdeutlich, trotzdem wirkt die Arbeit frisch und modern: mit verdünnter Acrylfarbe sind mit schwungvoller Geste mehrere Halbkreise frei über das Papier geworfen.

Mithilfe von Farbe und Bewegung verwandelt Grant die Schrift in Empfindungen und macht aus dem Text ein Bild. Das Gedicht „Sunglasses“ von Pauline Füg erscheint in einer Schrift, die aussieht, als hätte man die Flugbahnen von Bienen mit einem Faden nachgelegt. Das wirkt leicht und frisch und frei. Ein Roman von Maria Catharina Stockfleth aus dem 17. Jahrhundert über die Tugend einer Frau sieht aus wie gestickt, das ist hochästhetisch, aber alles andere als expressiv. Die Schrift für Fatma Aydemirs „Wanting“ stammt von einer türkischen Designerin, die das kalligrafische Erbe der türkischen Schriftkultur als Schnörkel eingebaut hat und auf den Kontext einstimmt, ohne dass man auch nur ein Wort gelesen hat. „Lesen  erzeugt emotionale Reaktionen, die sich nicht unbedingt in Sprache ausdrücken lassen“, sagt Alexandra Grant. „Das ist es, was ich mit meinen Bildern zu zeigen versuche: Die Gefühle, die bestimmte Erzählungen in uns auslösen, können zu einer gemalten Spur werden.“

Die Themen der von Grant ausgewählten Texte reichen von Spiritualität über Mutterschaft bis zu Migration, Ausgrenzung und Selbstbehauptung oder auch der Frage nach Wahrnehmung und Wahrheit, wie etwa ihre Arbeit „Consense“ auf der Grundlage eines Textes von Olivia Wenzel. Die Schrift wirkt hier wie gemeißelt. Ein starker Farbkontrast dominiert die Komposition: über einem schwarzen Grund mit blauen Lettern prangt in der Mitte eine leicht gestauchte Kugel in Gelb-Gold. Das wirkt streng und geheimnisvoll. „Der Text beschäftigt sich mit der Idee von Zustimmung und vielleicht auch von Uneinigkeit. Es beginnt mit einem Kleid – dem berühmten Internet-Meme um das schwarz-blaue Kleid, das eine kleine, aber doch beträchtliche Gruppe von Menschen als gold-weißes Kleid wahrgenommen hat. Die Vorstellung, dass Menschen dieselbe Situation völlig unterschiedlich sehen können, finde ich sehr interessant.“ Natürlich geht es nicht nur um Einigkeit über die Farbe eines Kleides, sondern letztlich auch um Konsens in Bezug auf sexuellen Kontakt: War er einvernehmlich oder war es doch Gewalt?

Alexandra Grants Arbeiten sind im Kern Künstlerbücher: William Blake, Henri Matisse, El Lissitzky, auch sie haben eigene oder fremde Texte bildnerisch inszeniert. Die Nürnberger Arbeiten aber sind eben keine Bücher. Die Texte treten aus ihren Buchseiten, Bibliotheken und Archiven hinaus in ein Kunstmuseum – und erlangen so eine ganz neue Aufmerksamkeit.