Eileen Gray, Golden Girls No. 3: Verlängerung des Menschen

Eileen Gray
Eileen Gray: Golden Girls No. 3, Ausstellungsansicht Museum Pfalzgalerie, Kaiserslautern, 2026
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24. September 2026
Text: Annette Hoffmann

Eileen Gray. Golden Girls No. 3.
Museum Pfalzgalerie, Museumsplatz 1, Kaiserslautern.
Dienstag, Mittwoch, Freitag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 8. November 2026.
www.mpk.de

Eileen Gray
Anna Viebrock, Bühnenmodell zu DAS MANSION AM SÜDPOL (EINE IMMOBILIE), Uraufführung Theater Basel 2012 – angeregt von Eileen Grays Haus E.1027, Foto und © Anna Viebrock
Eileen Gray
Eileen Gray, Schrank mit schwenkbaren Schubladen, 1934/35, Courtesy Galerie Jacques De Vos, Paris, Foto und © Studio Baraja SLB
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Eileen Gray, Schrank mit schwenkbaren Schubladen, 1934/35, Courtesy Galerie Jacques De Vos, Paris, Foto und © Studio Baraja SLB

Eileen Gray (1878-1976) lag in ihrem Leben oft vorne. Sie gehörte zu den ersten Frauen, die an der Londoner Slade School of Fine Art studierten, sie machte den Führerschein, flog mit einem Doppeldecker. Während des Ersten Weltkriegs kehrt sie aus Paris, wo sie sich 1907 ein Apartment gekauft hatte, nach London zurück und wird einen Ambulanzwagen fahren. Nach dem Krieg gründet sie in Paris eine eigene Galerie, die einen Männernamen tragen wird: Jean Désert. Geplant hatte Gray sie zusammen mit dem Architekten und Kritiker Jean Badovici, den sie 1920 kennengelernt hatte. Für ihn und ihr gemeinsames Leben wird sie das Haus in den Klippen E.1027 an der Côte d‘Azur entwerfen. Für Gray, die bislang ausschließlich Möbel designt hatte, ist es das erste Architekturprojekt. Als sich das Paar 1932 trennt, soll Gray aus ihrem Heim am Kap Martin lediglich den „Adjus­table Table E1027“ mitgenommen haben. Gray war offensichtlich jemand, der Prioritäten zu setzen wusste. Der höhenverstellbare Beistelltisch, der auf einem durchbrochenen Ring steht, wird heute immer noch produziert. Gut möglich, dass Gray ihre Herkunft aus einer schottisch-irischen Adelsfamilie zu Gute kam und sie die Wertschätzung schöner Gegenstände bereits als Kind erfuhr. Dank ihres hohen Alters erlebte die Irin, wie ihre Entwürfe allmählich zu modernen Klassikern wurden.

Das Museum Pfalzgalerie stellt in seiner Reihe „Golden Girls“ für herausragende Positionen von Frauen in der Moderne nun das Werk Grays vor und hat zudem die Bühnenbildnerin und Regisseurin Anna Viebrock eingeladen, sich mit dem Ferienhaus zu befassen. 2012 hatte sie am Theater Basel auf der Grundlage von Texten Jürg Laederachs „Das Mansion am Südpol (Eine Immobilie)“ inszeniert und das weiße, offene Wohnhaus in das Schauspielhaus hineingebaut. Während Le Corbusier in Viebrocks Regiearbeit viel Raum einnimmt – er hatte 1938/39 die weißen Wände der Strandvilla als seine Leinwände missbraucht und sich nackt vor den Wandbildern fotografieren lassen –, hat in Kaiserslautern Gray das letzte Wort. „Ein Haus ist keine Maschine, in der man lebt“, heißt es auf einer der Museumswände. „Es ist die Hülle des Menschen, seine Verlängerung, seine Befreiung, seine geistige Emanation.“ Wen Eileen Gray damit meinte, dürfte ihren Zeitgenossen klar gewesen sein. Sie selbst schuf Möbel, die sich dem Leben anpassten. So wie der „Adjus­table Table E1027“, der ihrer Schwester das Frühstück im Bett vereinfachen soll. Weitere Beistelltische präsentiert die Schau, verstellbare Liegestühle oder Schrankkästen, deren Schubladen sich nicht allein heraus-, sondern auch auf die Seite ziehen ließen, so dass man gut an Dinge kam.

Einige Entwürfe, die für das Wohnhaus am Kap Martin entstanden waren, sind auch im Museum Pfalzgalerie zu sehen, etwa der Teppich „Le Centimètre“. Auf seiner blauen Wolle sind drei parallel laufende helle Messskalen zu erkennen, dazwischen steht eine 10. Die Zahl nimmt Bezug auf den zehnten Buchstaben des Alphabets: J für Jean Badovici. Man erkennt an den Möbeln auch Eileen Grays Interesse am Kunsthandwerk. Lackmöbel gehörten zu den ersten Designs, mit denen sie auffiel. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Japonismus en vogue, doch Eileen Gray wählte den gründlichen Weg. Sie ging beim japanischen Meister Seizo Sugawara in die Lehre, dennoch ist ihr „Brick Screen Paravent“ durch und durch modern. Die einzelnen Segmente – die seitlichen sind kleiner als die mittleren und haben auch nicht das eingelassene Rechteck – sind an sieben Metallstangen befestigt, die erlauben den Wandteiler je nach den Bedürfnissen und den Räumen zu justieren. Im rechten Flügel der Pfalzgalerie schließlich hat Anna Viebrock die museale Präsentation durchbrochen und einen Raum geschaffen, der sich nach Eileen Gray anfühlt, mitsamt der Brandung am Kap Martin.