Julia Steiner: Raum halten.
Olaf Holzapfel x Raul Walch: Ideale Formen und roher Stoff.
Villa Merkel, Pulverwiesen 25, Esslingen.
Dienstag, Mittwoch und Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 14.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 4. Oktober 2026.
www.villa-merkel.de
In der Soloschau von Julia Steiner (*1982) und der gemeinsamen Ausstellung von Olaf Holzapfel (*1967) und Raul Walch (*1980) spielt Natur eine zentrale Rolle. Steiners Schau „Raum halten“ befasst sich mit Gegensätzen wie Schwere und Leichtigkeit oder Präsenz und Absenz sowie mit der Wahrnehmung von Körper, Raum und Zeit. So formte die Künstlerin in Ton den Zwischenraum der Handflächen von Menschen ab, die ihr begegnet waren. Um in der Villa Merkel in den Kreis der hängenden Objekte zu gelangen, muss man sich wie im Buddhismus verbeugen. Sie drücken Sammlung, Dankbarkeit, Vereinigung von Gegensätzen und Verbundenheit aus. Ebenfalls um Konzentration und auch Transformation geht es in der Installation „Stille Wasser“, für die Steiner täglich eine Keramikschale geschaffen und mit geschmolzenem Glas gefüllt hat. Eine Arbeit im Lichthof stellt eine Verbindung zu Olaf Holzapfels und Raul Walchs Schau her: Auf einem Podest Steiners mit luftigen Gouache-Zeichnungen in Schwarz-Weiß sitzend erblickt man ein Mobile mit Heu und Denim-Gebilden der zwei Künstler.
Julia Steiners Zeichnungen entstehen in einem langen Prozess mit einem einzigen Pinsel. Das wandfüllende „Diffusion“ lässt an einen Wasserkreislauf denken, während andere Arbeiten Wurzeln assoziieren lassen. Letztere kombiniert Steiner mit einer Skulptur in dunklem Überwurf, welcher der intimen Distanzzone um den eigenen Körper entspricht. Präsenz und Rückzug sowie Hülle und Inhalt sind hier Themen, wie in der Werkserie „Der letzte Raum“, die sich mit dem Erschaffen und Verschwinden auseinandersetzt: Steiner ließ sich dabei von einem Traum über ihren eigenen Tod anregen. Nach dem Aufwachen baute sie das kleine Schlafzimmer aus ihrem Traum in kleinerem Maßstab nach, sie bedeckte die Wände mit Zeichnungen und zeigt ihn nun in verschiedenen Varianten; etwa umgekehrt und zur bemalten Decke geöffnet, mit einem Video kombiniert, in dem sie mühevoll Zeichnungen von den Wänden kratzt, und als eine zum Park der Villa Merkel durchsichtige Membran vor den Wänden und Fenstern.
Olaf Holzapfel und Raul Walch entwerfen in ihrer Schau „Ideale Formen und Roher Stoff“ in Anlehnung an natürliche Prozesse und alte Handwerkstechniken ökologische „Möglichkeitsräume“. Holzapfel schafft mit Hilfe traditioneller Knüpftechniken Heubilder, in denen die Bündel wie Schwielen an den Händen hervortreten. In seinen Strohbildern ordnet er am Computer Halme zu farbigen Op-Art-Kompositionen an, die an schwungvolle Faltungen erinnern. Außerdem bezieht er sich auf die Esslinger Fachwerk-Architektur und lässt sich von deren Vokabular zu kunstvollen Holzkonstruktionen anregen. Einen anderen Raum hat er – wie in Fachwerkbauweise – mit Lehm und Stroh ausgekleidet. Ähnlich wie der Architekt und Kunsthistoriker Gottfried Semper sehen Holzapfel und Walch Textiltechniken wie Weben, Flechten und Umhüllen als Ursprung der Architektur an. Die Weberei war so prägend für Esslingen wie die Industrie. Raul Walch schafft aus dem historischen Baumwollgewebe Denim Patchworkgebilde und Teppichböden. Außerdem kreierte er Wolkenbilder an italienischen Webstühlen. In gemeinsamen Arbeiten wie einem Pavillon im Park der Villa Merkel begegnen sich Walch und Holzapfel. Ebenso in Videos: Der in der DDR geborene Olaf Holzapfel stellt am Beispiel von Argentinien und Chile natürliche Barrieren wie Weidenzäune willkürlichen politischen Grenzen entgegen. Die Metapher für die Veränderbarkeit von Formen ist dabei die Wolke. Wolkenaufnahmen nutzt auch Walch in „Deep Clouds“. Er konfrontiert sie mit ihren Spiegelungen auf Obsidanplatten und spielt so auf Smartphones an, die den Menschen von der Natur entfremden. Außerdem verwebt er Aufnahmen der griechischen Baumwollernte und zieht auf diese Weise Verbindungen zur Atmosphäre und den Lochkarten der Jacquard-Webstühle, die als Vorläufer des Computers gelten, bis hin zu digitalen Clouds.




