Heidi Bucher – Liesl Raff, Closer: Die zweite Haut

Liesl Raff Heidi Bucher
Heidi Bucher – Liesl Raff: Closer, Ausstellungsansicht im Kunst Museum Winterthur, 2026, Foto: Cédric Mussano
Review > Winterthur > Kunst Museum Winterthur
17. September 2026
Text: Annette Hoffmann

Heidi Bucher – Liesl Raff: Closer.
Kunst Museum Winterthur / Beim Stadthaus, Museumstr. 52, Winterthur.
Dienstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sontag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 25. Oktober 2026.
www.kmw.ch

Liesl Raff Heidi Bucher
Heidi Bucher – Liesl Raff: Closer, Ausstellungsansicht im Kunst Museum Winterthur, 2026, Foto: Cédric Mussano
Liesl Raff Heidi Bucher
Heidi Bucher – Liesl Raff: Closer, Ausstellungsansicht im Kunst Museum Winterthur, 2026, Foto: Cédric Mussano

Man geht weich auf diesem Boden. Mehrere Lagen Tanzboden dämpfen den Schritt. Liesl Raff (*1979) hat für das Frühwerk von Heidi Bucher (1926-1993) ein Environment geschaffen, wenn nicht gar eine Hommage. „Space for Heidi“ heißt so auch die Wandarbeit, die aus zehn schmalen Metallschienen auf einer Glasfaserverkleidung besteht. Sie bilden das Raster für die Hängung früher Arbeiten Buchers. Man könnte den Titel auf den gesamten ersten Raum der Ausstellung „Closer“ beziehen. Heidi Bucher wäre in diesem Frühling hundert Jahre alt geworden, das Kunst Museum Winterthur würdigt die wohl bekannteste Künstlerin der Stadt durch eine Ausstellung mit Werken von Liesl Raff. Sie haben nicht allein die Affinität zum Material Latex gemeinsam. Der Raum im Erdgeschoss des Kunst Museum Winterthur wirkt durch die Intervention der Wiener Bildhauerin alles andere als clean. An der Wand glaubt man Spuren von etwas zu sehen, das man nicht völlig entschlüsseln kann. Hier muss jemand zuvor gewesen sein. Der Raum hat eine Geschichte, die sich jeden Moment wiederholen könnte, aber anders als Buchers Häutungen hat er kein Schicksal.

Im Kunst Museum Winterthur sind die Latexabnahmen, die Bucher etwa in der psychiatrischen Klinik Kreuzlingen oder im „Audienzzimmer des Doktor Binswanger“ genommen hat, lediglich als Video präsent. In „Closer“ lernen wir Heidi Bucher als Adelheid Hildegard Müller kennen, als eine junge Frau, die gelernte Schneiderin ist, Interesse an Mode hat und daran, wie Stoffe einen Körper schaffen. Aber auch als Schülerin von Max Bill und Johannes Itten an der Kunstgewerbeschule Zürich mit einem beeindruckenden Gespür für Farbe und Formen. In den Frottagen, die Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre entstanden sind, hat das Papier eine ganz ähnliche Haptik und Farbe wie ihre Häutungen. Unter den Motiven der Arbeiten sind Kleidungsstücke, aber auch Libellen. Was sie verbindet, ist das Moment der Transformation, während Libellen verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen, verändern wir uns durch die Kleidung, die wir tragen.

Liesl Raff platziert in Winterthur ihre Installation „Corridor“ unmittelbar hinter Aristide Maillols Personifikation der Nacht. Ihre Latexbahnen setzt sie in Metallgestelle ein, so dass vorne die Kanten herausschauen. Man kann hinter dieser mit Sandsäcken stabilisierten Stellage durchlaufen und ist so nah an dem in warmen Gelb-, Ocker- und Orangetönen eingefärbtem Material, dessen süßlicher Geruch merklich im Raum liegt. Die Nachbarschaft zu Maillols steinernem Frauenkörper kommt nicht von Ungefähr, das Naturmaterial weist eine Nähe zur Haut und zu Körpern überhaupt auf. Im angrenzenden Raum sind insgesamt sechs Bahnen aus heller Schleiernessel installiert, die in zwei parallell laufenden Reihen von der Decke hängen. Sie laufen in einer Schlaufe aus gelblichem, gut fingerdickem Latex aus. Schaut man durch die Nessel, entsteht durch die übereinander liegenden Stoffbahnen ein Moireeeffekt, die Latexkehle gibt der Nessel eine gewisse Straffheit. „Curve“ wirkt wie ein Vorhang oder ein Raumteiler, der den kleinformatigen Aquarellen auf Seide und den Papierarbeiten einen intimeren Raum gibt. Liesl Raff ließ sich bevor sie in Wien bei Monica Bonvicini Kunst studierte, in Graz zur Bühnenbildnerin ausbilden. Buchers Arbeiten sind teilweise Mitte der 1950er Jahre entstanden. Da geht durch weiße amorphe Formen vor einem blauen Hintergrund eine Art Rückgrat, manchmal glaubt man ein Gesicht zu erkennen. Die Arbeiten weisen einen Einsatz von Farbe auf, wie man ihn mit Hans Arp oder Anni Albers verbinden würde. Während im Erdgeschoss auch Zeichnungen von Landschaften zu sehen sind, mischen sich unter die Collagen Aquarelle und Tuschearbeiten von Heidi Bucher, die mehr wie Kostümentwürfe denn Modezeichnungen wirken. Manche der Blätter könnten sich auf Shakespeare-Dramen beziehen, auf anderen erscheint die Figur wie ein Füllhorn. Der Körper jedenfalls ist in den Werken der beiden Künstlerinnen omnipräsent.