„Harmonische Koexistenz zwischen Land- und Weidewirtschaft“: Drei Fragen an Fernando García-Dory

Shepherdology
INLAND Campo Adentro, Shepherdology, 2026, Courtesy the artist, Installationsansicht Künstlerhaus Stuttgart, Foto: Frank Kleinbach
Landpartie
27. Juli 2026
Text: Annette Hoffmann

Inland: Shepherdology.
Künstlerhaus Stuttgart, Reuchlinstr. 4b, Stuttgart.
Bis 4. Oktober 2026.
www.künstlerhaus.de
www.inland.org

Shephrdology
INLAND Campo Adentro, Shepherdology, 2026, Courtesy the artist, Installationsansicht Künstlerhaus Stuttgart, Foto: Fernando García-Dory

Fernando García-Dory (*1978) ist jemand, der die Rolle des Künstlers neu denkt. García-Dory, der Kunst und Soziologie in Madrid, aber auch Agrarökologie studiert hat, gründete 2004 in Spanien eine Schäferschule und er ist Mitbegründer des Kollektivs Inland Campo Adentro, das derzeit zu Gast im Künstlerhaus Stuttgart ist.

artline: In der Bibel wird der Konflikt zwischen Hirten und Bauern als tödlicher Bruderzwist inszeniert. Doch jenseits von Kain und Abel ist er heute etwa in Nigeria Teil eines viel größeren Konflikts. Was macht ihn aus und gibt es Lösungen?
Fernando García-Dory: Obgleich diese Konflikte historisch sind, gibt es auch viele Beispiele einer harmonischen Koexistenz zwischen Land- und Weidewirtschaft. Viele Bauern schätzen nach der Ernte auf ihren Feldern Schafherden, sie reduzieren die Biomasse, was wiederum das Pflügen erleichtert und sie düngen den Boden. An vielen Orten war sehr genau festgelegt, wo Ackerbau betrieben wurde und wo gegrast werden konnte, sei es in Wäldern, auf steinigen und trockenen Böden. Mit neuen Bewässerungsmethoden und dem Bohren von Brunnen hat sich das landwirtschaftlich nutzbare Terrain erweitert, manchmal auch indem Weideflächen übernommen oder Schafspfade von der Landwirtschaft in Anspruch genommen wurden, wobei der Einsatz von Pestiziden die Tiere schädigen kann. Viele Methoden aus dem Konfliktmanagement werden umgesetzt, partizipative Kartierungen und eine saisonale Planung, wie das Land genutzt werden kann. Eine faire Bezahlung landwirtschaftlicher Produkte sollte auch gefördert werden, um eine Produktionssteigerung nicht notwendig zu machen, die bei Viehhaltung zur Überweidung führen kann.

artline: Vor mehr als zwanzig Jahren haben sie eine Schäferschule gegründet. Was können Schäferinnen und Schäfer hier lernen? Und was können Stadtbewohnerinnen und -bewohner von Schäferinnen und Schäfer lernen?
Fernando Garcá-Dory: Abgesehen von einigen Spezialkurse für aktive Schäferinnen und Schäfer richtet sich der Großteil der Schulungen an interessierte Neulinge aus einem urbanen Umfeld. Sie fühlen sich oft aufgrund einer romantischen Vorstellung vom Pastoralen vom Programm angezogen, durch eine Sehnsucht nach „Natur“ oder durch eine bewusstere und stärker geerdete Absicht, sich auf das Land einzulassen. Die Schule erlaubt ihnen, sich auszuprobieren und zu überprüfen, ob sie das Training weiterverfolgen oder erste Schritte unternehmen möchten, mit Weidewirtschaft ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das kann von saisonal bezahlten Almhirten reichen bis hin zur Gründung eines eigenen Milchbetriebs oder der Pflege von Landschaft durch Schafe.

artline: Sie sind ausgebildeter Künstler, aber auch Soziologe und Agrarökologe. Worin besteht der künstlerische Anteil Ihres Werks?
Fernando García-Dory: Ich habe immer das Zeichnen und das Erschaffen von Welten geliebt, doch mit achtzehn wurde mir klar, dass Kunst eine Bedeutung braucht, einen Ort, eine Relevanz angesichts aktueller sozialer und ökologischer Krisen. Ein Künstler wie Joseph Beuys oder die Artistic Placement Group haben Wege aufgezeigt, die sehr inspirierend waren. Und ich glaube, dass wir aus den Städten in die nicht-urbanen Gebiete gehen müssen, um Praktiken zu unterstützen, die Leben erhalten. Die nomadische Viehhaltung ist eine von ihnen. Deshalb funktioniert die Schäferschule als Intervention im Maßstab eins zu eins, im Sinne von Steven Wrights Vorstellung eines Nutzwerts in der Kunst.

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artline: The herder-farmer-conflict is biblical. In modern Nigeria it is a part of a much larger conflict. What characterizes it in general and are there any solutions?
Fernando García-Dory: Although these conflicts are historical, as you mentioned, there are also many cases of harmonious coexistence between agriculture and pastoralism. It is appreciated by many farmers to have the flocks of sheep after crop harvests, as it reduces remaining biomass for easier ploughing and also adds manure to fertilize the soil. In many places, the arable land was defined and used for that, but other terrains not suitable for agriculture, would be grazed, such as forests, rocky or arid lands. With new irrigation techniques and well drilling, the agricultural frontier expands – sometimes taking over traditional pastoralist areas and sheep trails being invaded for agriculture, in which the use of pesticides can affect the animals. Many methodologies for conflict management are being implemented as well as participatory mapping and seasonal plans for land use. Fair payment for agricultural products should also be promoted to avoid the need of increasing production, which in the case of livestock can lead to overgrazing, 

artline: More than 20 years ago, you set-up a shepherd-school. What can shepherds learn there? And what can city dwellers learn from shepherds?
Fernando García-Dory: Despite a few specific courses for active shepherds, the majority of the training is addressed to interested apprentices from an urban context. They are drawn to the programme either by a romantic notion of the pastoral, and a yearning for „nature“ or a more meditated and grounded intention to start in the land. The School allows them to test and check how far they would like to continue further training and take steps to establish a new livelihood related with pastoralism , that can range from being seasonal alpine salaried shepherd, to start their own small dairy or landscape preservation services with flocks. 

artline: You are a trained artist, but also a sociologist and an agrarecologist. What is the genuine artistic part of your work?
Fernando García-Dory: Although I always liked drawing and imagining worlds, Since I was 18 I realised that art has to have a meaning, a place, a pertinence in the current context of social and environmental crisis. I found very inspiring paths open by artists such as Joseph Beuys or Artists Placement Group, and I think we need to expand from the city to non urban areas, in support to those practices that maintain life. Mobile pastoralism is one of them. Therefore the Shepherds School project works as a 1:1 scale intervention, in the idea of Usefulness in Art that Stephen Wright developed.