Tempesta: Manifestationen von Leerstellen

Tempesta
Arbeiten von Josh Kline, Installationsansicht „Tempesta“, Fondation Fernet-Branca, Saint-Louis, Courtesy the artist, Foto: Julian Salinas
Review > Saint-Louis > Fondation Fernet-Branca
22. Juli 2026
Text: Annette Hoffmann

Tempesta.
Fondation Fernet-Branca, 2, rue du Ballon, Saint-Louis.
ittwoch bis Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 20. September 2026.
www.fondationfernet-branca.org

Tempesta
Arbeiten von Vittorio Santoro, Installationsansicht „Tempesta“, Fondation Fernet-Branca, Saint-Louis, Courtesy the artist, Foto: Julian Salinas
Tempesta
Arbeiten von Julius von Bismarck, Installationsansicht „Tempesta“, Fondation Fernet-Branca, Saint-Louis, Courtesy the artist, Foto: Julian Salinas

Formt die Klasse den Menschen? Und bleibt da dann noch so etwas wie Individualität, Humanität oder Widerstandskraft? Die junge Frau in Josh Klines Videointerview arbeitet seit fast einem Jahr bei Applebee’s, einer US-amerikanischen Restaurantkette. Sie stehe ganz am Ende der Arbeiterklasse, sagt Jenn in die Kamera und dass, wenn die Gäste ihr kein Trinkgeld gäben, sie einen Stundenlohn in Höhe eines Bustickets habe. Nur einmal angenommen, das College würde nichts kosten, hätte sie eines besucht? – Was für eine Frage. Selbstverständlich. Die junge Frau schreibt in ihrer Freizeit, sie stellt sich auf die Bühne, um ihre Texte vor Publikum zu lesen. Sie hat Hillary Clinton gewählt. Das Video von Josh Kline (*1979) aus der Serie „Blue Collars“ entstand zwischen 2016 und 2018. Also formt die Klasse den Menschen? Jein, da die Kellnerin nicht krankenversichert ist, konnte sie einen Bruch nicht ausheilen, die Hand kann sie kaum belasten, sie ist immer noch nicht zusammengewachsen. Das wird bleiben. Das Interview – in der Ausstellung „Tempesta“ in der Fondation Fernet-Branca ist noch ein weiteres aus Klines Serie zu sehen – ist eingebunden in Installationen, die den Körper als ausführende Glieder sehen, mit keinem anderen Zweck als reibungslose Abläufe im kapitalistischen System zu gewährleisten.

In Vittorio Santoros (*1962) Bodenarbeit „Interiors (Veterans‘ Cars)“ ist der Körper ganz den Indizien seines Verfalls gewichen. Santoro stieß im New York Times Magazine auf Fotos, die das Innere von Autos zeigten, die Veteranen gehörten. Über mehrere Jahre versuchte er, sie nachzustellen. Auf zusammengesetzten kupfernen Puzzleteilen liegen nun ein paar Geldscheine, ein Reha-Plan, irgendwo ist ein Clonazepam-Röhrchen platziert, es ist ein Mittel, das krampf- und angstlösend wirkt. Auf einem anderen Platz befinden sich Spritzen und ein Brillentuch, woanders kann man „Life is crap“ lesen. Der Krieg ist in das Leben dieser Menschen getreten, und sie haben es nicht gut überstanden. Anhand der Requisiten ihres neuen Alltags kann man auf starke körperliche und seelische Beeinträchtigungen schließen, auf eine Sinnsuche, die entweder im Alkohol, der Religion oder bei Selbsthilfebüchern endet. Ein Raum weiter macht Jos Näpflin (*1950) Trauer und Verlust sichtbar, in dem er nicht gelebte Tage mit weißen Perlen in einem Strang bunter Holzperlen markiert. Jeder Strang, der in diesem Raum verspannt ist, steht für das letzte Lebensjahr eines Menschen, das sich nicht vollendet hat.

Seit gut einem Jahr leitet Olga Osadtschy die Institution, das Kuratieren der aktuellen Ausstellung hat sie Daniel Kurjaković vom Kunstmuseum Basel überlassen. „Tempesta“ ist ein Ausstellungsparcours, der gleichermaßen die Möglichkeiten der Räume erprobt als auch die der Installation, die hier vor allem in ihren Leer- und Fehlstellen charakterisiert ist.

Auch in „History Apparatus“ von Julius von Bismarck (*1983) ist das, was man nicht sieht, Teil der Skulptur. Mitten im Innenhof, also von allen Seiten gut sichtbar, stehen in einer Einfriedung die Überreste eines Baumes. Die Erde ist moosüberwachsen, ein Schneckenhaus liegt da, ein paar Wildpflanzen wachsen.

Der Baum, der hier einmal stand, hätte Jahr um Jahr mehr Schatten spenden können Doch, es gab ihn nie, ein Baumstumpf wurde nach Saint-Louis transportiert. So wie die dekorativen Löcher in Tenant of Cultures (Hendrickje Schimmel, *1990) ortsbezogener Arbeit aus der Serie „Sabotage“  keineswegs unkontrolliert durch das Strickstück laufen. Die Maschine wurde eigens programmiert, sie in das Maschenwerk einzubauen. Der Titel „Sabotage“ bezieht sich auf Arbeiter in Holzschuhen (sabot), die vorsätzlich die Produktionsabläufe störten und unterbrachen. In der Textilindustrie geschieht das heute mit Absicht, keine Laufmasche wird den Strickstoff zerstören und auch die Gebrauchsspuren auf dem Jeansstoff von Tenant of Cultures „Soft Acid“-Serie sind durch Chemie und mechanisches Bearbeiten entstanden.